Johann Sebastian Bach – Carl Stamitz – Johann Christian Bach

Nachdem „Grosses von Bach“, das Jahresthema 2017, verklungen ist, bleiben davon viele wunderbare Erinnerungen.

Nun schreitet die Zeit weiter, und wir mit ihr. Auch dieses Jahr ist prachtvolle Musik auf dem Plan. Gerne erinnere ich an das Requiem und Miserere von Johann Christian Bach, beides Werke, die wir 2013 quasi neu aufgeführt haben. Das Kloster Einsiedeln mit Pater Lukas Helg hat uns die Handschriften zur Verfügung gestellt, und wir liessen diese dann aufführungspraktisch herstellen. Nicht allein diese Investition, sondern die Musik selbst ist es wert, diese nach fünf Jahren wieder aus dem Archiv zu holen. Zu schade, diese liebenswürdigen Werke im Keller zu lagern.

Diesmal verteilen wir die Werke auf mehrere Konzerte und ergänzen noch durch weitere kürzere Kompositionen des jüngsten Bach-Sohnes.

Wie die letzten Jahre fahre wir jeweils auf drei Schienen gleichzeitig: Wir haben Chorwerke von Bach-Söhnen auf dem Programm. Und wir musizieren mit dem „Jahressolisten“ Jürg Eichenberger aus dem Riesenfundus von Cellokonzerten einige Perlen aus der Früh- und Hochklassik. Und es gibt immer auch eine Bach-Kantate in den Programmen, von denen die meisten Neueinstudierungen sind. So auch die zur Fastenzeit passende Kantate „Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe“. Ihr Inhalt ist barock-typisch: Das menschliche Dasein wird mit einem Hospital verglichen. dessen Erlösung nur der Arzt Jesus bewirken kann. Kunstvolle, meditative und in der Besetzung einzigartige (z. B. drei Flöten) Musik begegnet uns hier.

Daran schliesst tröstliche Musik an mit dem Cellokonzert A-Dur von Carl Stamitz: liebliche Unbeschwertheit, gepaart mit lustvoller Virtuosität kommt einlullend daher. Nicht minder das anschliessende Requiem, dessen Sprache nichts hält von Bedrohlichkeit, sondern die Musik spricht meist in eher sanften Tönen und wirkt gewinnend. Aber nicht ohne Üppigkeit im Klang durch die doppelchörige Anlage.

Franz Schaffner

Wenn Werke gelebt statt dirigiert werden

Gastbeitrag des Tenors Reto Hofstetter:

Es ist für mich eine grosse Freude das Konzertjahr 2018 eröffnen zu dürfen. Seit vielen Jahren darf ich jetzt schon  mit und unter dem Dirigat von Franz Schaffner  bei den Bachkonzerten mitwirken. Wobei der Ausdruck „unter dem Dirigat“ gerade bei Franz Schaffner völlig verfehlt ist.  Zwar würde niemand aus dem Chor, dem Orchester oder von den Solistinnen und Solisten  auch nur einen Moment an seiner Kompetenz und seinem Wissen zweifeln oder seine Anweisungen in Frage stellen wollen. Trotzdem scheint es ihm ein Anliegen zu sein, niemals belehrend oder unterweisend sein zu wollen. Er dirigiert die Werke nicht, sondern er lebt sie.  Er lässt dadurch die Mitwirkenden die Musik erleben  und  die Zuhörer an seiner Passion teilhaben.

Er ist sozusagen der primus inter pares. Er wagt es sogar im Ganzen zu verschwinden, um dem einen Platz zu machen, das ihm wichtig ist: der Musik von Johann Sebastian Bach. Für Franz spielt es auch keine Rolle, ob es die intimen Bach Schemelli Lieder für Orgel und Stimme sind (meine erste Begegnung mit Franz) oder die grossen Werke wie eine Johannespassion, die gerade aufgeführt werden. Für ihn sind es alles Meisterwerke.

Als Sänger ist es eine besondere Freude mit Franz zu musizieren, da er beim Dirigieren oder an der Orgel immer versucht, den Sänger zu unterstützen.  Er hört zu, führt, lässt geschehen und geniesst die Musik eines der grössten Komponisten, die je gelebt haben.

Allerdings wird sich der Zuhörer sicher genauso  für das Requiem von Johann Christian Bach begeistern können.  Das Requiem hat es wirklich  verdient, dass man es quasi wieder ausgegraben hat.  Die Lieblichkeit dieser Musik  geht direkt ins Herz. Auch wenn die Komposition möglicherweise für ein Requiem etwas zu wenig in die emotionale Tiefe des Textes geht, wie wir es aus dem späteren Requiem von W.A. Mozart kennen.  J.C. Bach und der junge W.A. Mozart haben sich offenbar gekannt und sogar zusammen musiziert. Leopold Mozart hat die Kompositionen von J.C. Bach sehr geschätzt und seinem Sohn Wolfgang Amadeus  zum Studium empfohlen.

Reto Hofstetter

Jedes Konzert ist ein Erlebnis

Gastbeitrag von Violinistin Elisabeth Zwicky:
Zum Ensemble kam ich, als ich für jemand in die Bresche gesprungen bin.

Nach langjährigem Mitwirken in einem Sinfonieorchester schätze ich den Zugang zu den Werken von Johann Sebastian Bach ganz besonders. Ich geniesse das aufeinander Hören und Spüren in der kleinen Besetzung. Die Kollegialität untereinander ist sehr befruchtend.
Unter der Leitung von Franz Schaffner erhalten wir wertvolle Anregungen und Wissenswertes über Bachs Werke. Seine genaue und inspirierende Führung unseres Ensembles und die Bereitschaft aller Musikerinnen und Musiker, ihm zu folgen, lässt unsere Konzerte immer wieder zu einem einzigartigen Erlebnis werden. Dies mit sehr wenig Proben zu erreichen, ist das Verdienst unseres Dirigenten, der es versteht, ohne Druck die Begeisterung aller Mitwirkenden zu entfachen. Die Leistung der Sängerinnen und Sänger ist bewundernswert, eignen sie sich – neben ihrem Arbeitsalltag – ihre Parts doch schon vor den Proben mit grossem Elan im Eigenstudium an.
Werke der Söhne Bachs, von Händel, Vivaldi, Stamitz und Haydn erweitern das Repertoire auf spannende Weise.
In unserem nächsten Konzert am 11. März 2018, 17.00 Uhr, bringen wir die Missa da Requiem von Christian Bach, ein frühes Werk, das gut den Uebergang vom Barock zur Vorklassik zeigt, zur Aufführung. Darauf freue ich mich und besonders auch auf das Cellokonzert von Carl Stamitz mit unserem ausgezeichneten Cellisten des Bachensembles, Jürg Eichenberger als Solist.
Jedes Konzert wird zu einem Erlebnis und dafür bin ich sehr dankbar.
Elisabeth Zwicky

Frühjahrskonzert 2018

Sonntag, 11. März, 17.00 Uhr, Franziskanerkirche Luzern

Johann Sebastian Bach: Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe BWV 25 Johann Christian Bach: Missa da Requiem T 208/5
Karl Stamitz: Cellokonzert A-Dur

Chor und Orchester des Bach Ensemble Luzern
Franz Schaffner, Leitung

Martina Fausch, Sopran
Susanne Puchegger, Alt
Reto Hofstetter, Tenor
Wolf H. Latzel, Bass

Weitere Infos und Tickets: http://bachensembleluzern.ch

Weihnachtsoratorium – mein persönliches Schlussbouquet

Ein Gastbeitrag von Chorsängerin Irene Bucheli-Zemp

Singen bedeutet für mich Lebenselixier. Im Bachensemble zu singen erfüllt mich mit grosser Freude und Zufriedenheit. Ganz besonders dieses Jahr mit den grossen Werken von J.S. Bach war für mich wie ein Geschenk zum Abschluss meines intensiven Chorlebens, denn Bach singe ich am liebsten.

Proben auf so hohem Niveau macht einfach Spass, denn alle haben langjährige Erfahrung, kennen das Werk schon ziemlich gut, sodass eher selten Töne „geochst“ werden müssen, sondern gleich von der ersten Probe an gestaltet, musikalisch gefeilt und einfach musiziert wird. Das gefällt mir. Ich erarbeite das Werk lieber allein zuhause am Klavier und geniesse dann die Probenarbeit, die von Franz ganzheitlich didaktisch gut gestaltet und professionell geleitet wird.

Natürlich sind mir auch andere Komponisten lieb, besonders Händel, Brahms, Mozart, Mendeslsohn, Schubert und Rheinberger.

Aber Johann Sebastian Bach war bereits zur Schulzeit mein Lieblings-Komponist.

Das Weihnachtsoratorium lernte ich auch schon als Kind kennen. Meine Klavierlehrerin wohnte im obersten Stock unseres Hauses und hatte einen Plattenspieler. Am Wochenende wenn sie nicht da war, durfte ich allein für mich dieses beeindruckende Werk hören und war einfach nur glücklich dabei.

Im neunten Schuljahr hielt ich einen Vortrag über J.S. Bach, was mich diesem wunderbaren Komponisten noch näher brachte. Und mit meinem Sackgeld kaufte ich auf dem Flohmarkt in Lugano die allererste kleine Platte: aus der Matthäuspassion „Mache dich mein Herze rein.“ Weil ich nur diese einzige Platte besass, hörte ich sie halt immer und immer wieder, was nun zur Folge hat, dass ich bei dieser Musik heute noch erinnert werde an Lugano und an das Buch, das ich damals las, während ich diese Arie hörte.

Manche Frauen wechseln in späteren Jahren vom Sopran in den Alt. Bei mir war es umgekehrt. Im Kinderchor musste ich 2. oder 3. Stimme also sehr tief singen. Das tiefe Singen wurde mir zur Gewohnheit und ich bekam immer mehr Angst vor den hohen Tönen. Aber ich merkte dann irgendwann, dass dies nicht wirklich meine Stimme ist. Ich konnte nicht laut singen, höchstens auf Kosten der Qualität. Ich wurde schnell heiser, weil ich nicht gelernt hatte, wo man die Kraft herholen kann ohne Druck in der Kehle.

Erst als ich meine Ausbildung zur Stimmtherapeutin (AAP, FE, NFR) machte, entdeckte ich die für mich damals neue Welt der Körperarbeit.

Ich nahm fortan regelmässig Gesangstunden, was eine stetige Stimmentwicklung mit mehr Resonanz und Leichtigkeit in der Höhe zur Folge hatte. Dadurch fühlte ich mich in der Lage, beim Bachensemble im ersten Sopran mitzusingen. Was für ein Geschenk für mich!

Das Singen auf hohem Niveau ist für mich stets auch berufliche Weiterbildung. Ich brauche für meine Stimmkurse eine starke Sprech- und Singstimme. Durch meine Kurstätigkeit als AAP-Stimmtrainerin und FE-Körpertherapeutin erlebe ich viele Menschen, die Angst haben, ihre Stimme zu zeigen. Sie haben erlebt, in der Schule beim Singen nicht zu genügen oder ihre Sprechstimme wurde bemängelt aufgrund einer schlechten Atemtechnik. Einigen hat es sogar buchstäblich die Stimme verschlagen, wenn die psychische Belastung am Arbeitsplatz oder in der Familie zu gross wurde. (Burnout) In diesem Rahmen erleben zu dürfen, wie Menschen wieder Mut bekommen und sich getrauen, für sich selber einzustehen, mit ihrer eigenen Stimme sich zu zeigen, das bedeutet für mich etwas Kostbares und Grossartiges. Stimme ist eben mehr als Sprechen und Singen.

Was passiert konkret körperlich, wenn man singt?

Das Belohnungssystem im Gehirn springt an, wie beim Lachen oder Verliebt-sein, das haben Hirnforscher herausgefunden – und es ist dem Gehirn nicht möglich, beide Zentren, jenes für Belohnung und das Angstzentrum, gleichzeitig zu aktivieren. Die Bereiche schliessen einander aus. Sobald also das Belohnungssystem angeht wie z. B. beim Singen, nicht sofort, aber nach einer Weile-, empfindet man keine Angst mehr.

In vielen Chören habe ich gesungen und viele Dirigenten erlebt. Was ich bei Franz Schaffner besonders schätze ist seine bescheidene und zutiefst menschliche Art der Kommunikation beim Proben. Korrekturen werden von ihm aufbauend, bestärkend, wohlwollend und taktvoll angebracht, nie verletzend.

Er versteht es ganz besonders, unsere Leistung bei der Aufführung noch massiv zu steigern, sodass wir über uns hinauswachsen können, weil wir angesteckt werden von seiner Begeisterung. Ich danke dir, Franz!

Dass ich nun das Bachensemble als aktive Sängerin nach 10 Jahren loslasse fällt mir nicht so leicht, aber ich spüre, dass es der richtige Zeitpunkt ist, gerade jetzt mit dem Weihnachtsoratorium.

Ich möchte jüngeren Stimmen Platz machen und bin bestimmt als begeisterte und neugierige Zuhörerin fortan gerne im Konzertraum anwesend.

Singen werde ich auch noch weiterhin, insbesondere mit meinen  Enkelkindern, mit meiner Nachbarin, die mich am Klavier begleitet, in den Duett-weekends und hie und da bei einem kleineren Chorprojekt. Ich lasse es auf mich zukommen.

Vorerst aber freue ich mich noch auf ein paar intensive Proben und dann auf ein unvergessliches Abschlusskonzert mit dem Weihnachtsoratorium von J.S.Bach im KKL.

Irene Bucheli-Zemp

 

 

 

 

 

Unglaubliche Vollendung

Gastbeitrag unseres Solisten Jörg Dürmüller:

Ich stelle mich kurz vor: in Bern geboren, im Kanton St.Gallen aufgewachsen und dann in Winterthur Gesang studiert, bin ich 1982 zum Weiterstudium an die Musikhochschule Hamburg gewechselt. Meine Karriere begann in Deutschland, und ich bin erst 2010 wieder in die Schweiz zurückgekehrt.

Johann Sebastian Bach ist aus meinem Leben nicht wegzudenken. Seine Musik ist von einer so unglaublichen Vollendung, dass ich mir meinen künstlerischen Werdegang ohne diesen Komponisten nicht vorstellen könnte.

In Deutschland, das mir zu einer zweiten Heimat geworden ist, ist die Musik Bachs tief verankert. Kaum eine Kirche, die nicht jedes Jahr eine  Passion oder das Weihnachtsoratorium aufführt.

Welch unglaubliche Leistung die Sängerinnen und Sänger im Chor vollbringen, war und ist für mich bewundernswert. Meist sind es Laien, die sich nach anstrengenden Tagen im Beruf abends mit ganzem Herzen diesen Werken widmen.

Das hat mich immer sehr gerührt. Welche Liebe zur Musik, welche Liebe zu Johann Sebastian Bach! Seine Musik vereint die Menschen, die musikalischen Hürden werden genommen und das Resultat ist Freude und Ergriffenheit.

In der Schweiz ist Bach nicht auf solch tiefe Weise verankert. Umso mehr freue ich mich, wenn ich in einem Ensemble mitwirken kann, das in mir das gleiche Gefühl von Glück und Erfüllung hervorrufen kann, wie ich es so oft in Deutschland erleben durfte.

Gerade im KKL gelingt es auf hervorragende Weise, dem Zuhörer die musikalische Sprache verständlich zu machen. Dieser Saal zieht sich zurück und ist nur noch der Verstärker dessen, was auf dem Podium passiert.

Ich habe eigentlich in allen grossen Sälen dieser Welt gesungen, angefangen mit der Berliner Philharomie bis zur Carnegie Hall in New York, aber das KKL hat mich von allen Sälen am meisten beeindruckt.

Mit dem Bach Ensemble singe ich nicht das erste Mal überhaupt, aber das erste Mal Bach. Ich freue mich auf dieses Weihnachtsgeschenk!

Jörg Dürmüller

 

Neue Nuancen noch während des Konzertes

Gastbeitrag unserer Konzertmeisterin Naomi Lozano-Tolksdorf:

Als ich vor fünf Jahren das erste mal im Bach Ensemble Luzern mitspielen durfte, war ich beeindruckt von der Freude und Begeisterung am gemeinsamen Musizieren. Die wunderbare Musik die wir spielen ist sicher einer der Gründe, die zu so einer Atmosphäre beitragen, aber auch die Art wie Franz Schaffner das Ensemble leitet, spielt dabei eine grosse Rolle. Oft erläutert er uns in den Proben spannende Fakten, Hintergründe und Symboliken zu den Werken die wir spielen, welche mich immer wieder zum Staunen bringen über diese wunderbare und unglaublich komplexe Musik. Grundsätzliche Sachen zu Phrasierungen, Artikulation etc. wird oft nur in wenigen Worten besprochen und viel mehr durchs spielen, aufeinander hören und reagieren in Einklang gebracht. Diese Reaktionsfähigkeit des Ensembles ist etwas sehr wertvolles und Franz Schaffner weiss dies auch gut zu nutzen. Es kommt durchaus vor, dass er uns Musiker sogar im Konzert noch zu neuen, überraschenden musikalischen Nuancen leitet und solche Spontanität lässt die Musik lebendig und dynamisch klingen.

Ein persönlicher Höhepunkt in meiner bisherigen Spielzeit im Bach Ensemble Luzern ist das diesjährige Programm welches J.S. Bachs grösste Werke beinhaltet. Diese haben mich schon von Kind auf als Zuhörerin unglaublich beeindruckt und sie mit dem Bach Ensemble Luzern spielen zu dürfen ist für mich ein Traum, der in Erfüllung geht. Als Christin und Musikerin empfinde ich einen besonderen Bezug zu Bach und seiner Musik. Im gleichen Sinne wie er seine Werke komponiert und jeweils am Schluss Unterzeichnet hat, möchte auch ich seine Musik spielen – Soli Deo Gloria!

Naomi Lozano-Tolksdorf

 

Bescheidenheit gegenüber der Unvergänglichkeit

Gastbeitrag unseres Solisten Valentin Johannes Gloor:

Wie kann es sein, dass uns Johann Sebastian Bachs Musik nach fast dreihundert Jahren noch immer etwas mitzuteilen hat? Wenn ich mir überlege, welche meiner eigenen Handlungen in dreihundert Jahren wohl noch irgendeine Resonanz haben wird (Antwort: keine einzige), bleibt in mir nur ein grosses Staunen über diesen längst verstorbenen Komponisten und seine Werke. So viel Existenz ist in diesen Werken, so viel Geist. Da kann und will ich einfach nur bescheiden sein. Und letztlich – immer öfter komme ich zu diesem Schluss – ist es doch ein unglaubliches Geschenk und Privileg, sich als Musiker, als Sänger mit dieser grossartigen Musik beschäftigen zu können, ja zu dürfen. Dabei macht es uns Bach keineswegs „einfach“. Er fordert einiges und manchmal alles von uns, bevor er uns beschenkt. Aber wie nach langen Wanderungen gilt auch hier: Je mehr man sich eingesetzt hat, desto grösser ist der Genuss auf dem Gipfel.

Wenige schaffen es wie Franz Schaffner, sich so konzentriert und doch zugleich entspannt und inspirierend diesem Meister anzunähern. Das ist es reine Freude für die Mitmusizierenden und für das Publikum.

Mit Bachs H-moll-Messe steht mindestens ein Viertausender an. Welch ein Genuss wird das sein!

Valentin Johannes Gloor

 

Grosses von Bach, nächste Folge: Credo, Sanctus und Benedictus, Agnus Dei

Die zweite Hälfte der h-Moll Messe steht an. Ein überwiegender Anteil an Chornummern ist hier komponiert: Von den 16 Sätzen sind deren 12 dem Chor zugewiesen. Die Musik selbst präsentiert sich in vielfältigsten Schattierungen. Meditatives mit absteigenden Linien bei „Et incarnatus est“ etwa, Seufzermotive bei „Crucifixus“, Triumphales in der Auferstehungsmusik „Et resurrexit“.

Ganz zu schweigen von den hintergründlichen symbolischen Zeichen, mit denen Bach seine Musik immer wieder durchsetzt. Ein Beispiel, der Satz „Crucifixus“. Der viertaktige Gang in den Bässen wiederholt sich 13 Mal, was bedeuten mag „jetzt schlägt’s dreizehn“.

Die dazu gehörende Textstelle im Credo heisst „gelitten unter Pontius Pilatus, gestorben und begraben“.

Es wird öfter in Frage gestellt, ob Bach die verblüffenden Sachen mit den Zahlen bewusst miteinbezogen habe, oder ob hier nicht persönliche Fantasie gelegentlich durchbrenne.

Eine klare Antwort gibt Bach selbst: Nach dem Schlusstakt des zweiten Credo-Satzes (Patrem omnipotentem) steht von Bachs Hand die Zahl 84. So etwas erscheint sonst nirgends in seinen Manuskripten. Bach hat hier bewusst 84 Takte komponiert. 84 ist das Produkt aus 7 x 12. 7 ist die heilige Zahl, 12 ist wiederum aus 4 x 3 zusammengesetzt. Vier steht für das Irdische, Drei für das Göttliche. „Ich glaube…..an den allmächtigen Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat“.

Das Thema gibt noch viel her, man läuft Gefahr, auszuschweifen. Das lasse ich hier mal.

Ein paar Warte aber doch noch zum Sanctus der Messe.

In diesem Teil wird die Dreifaltigkeit verherrlicht.

Somit hat die Drei eine wichtige Rolle als Symbol, hier aufgelistet:

  • Der Chor ist zweigeteilt in je drei Stimmen.
  • Der dreistimmige Trompetensatz überstrahlt den Gesamtklang.
  • Der Triolen-Rhythmus dominiert den ganzen Satz.
  • Im einzigen Satz der ganzen Messe sind drei Oboen verlangt.
  • Die Pauke spielt bei jedem Einsatz immer sechs, also 2×3 Töne.
  • Die Bass-Instrumente spielen fast durchwegs Oktavsprünge von oben nach unten, meist auch in Drei-Taktgruppen. die Oktave, weil sie alle Töne einer Skala umspannt, bedeutet auch hier, wie so oft bei Bach: die textliche Aussage gilt umfassend für die ganze Welt.

Staunen immer wieder über so viel Aussage einer Musik, die über ihre Töne weit hinausgeht!

Franz Schaffner

Grosses von Bach

Das ist heuer beileibe eine „Auswahlsendung“. Zweifellos trifft dieser Ausdruck auf die gewählten Werke zu. Aber es gäbe noch viel anderes Grosses von Bach…

Kleine Rückschau: 2011 war die h-Moll Messe das ganze Jahr gegenwärtig. Kombiniert mit Kantaten, aus welchen Bach Sätze für die grosse Messevertonung adaptierte, beschäftigte uns dieses Monumentalwerk ein Jahr lang, um es am Ende im KKL als Ganzes aufzuführen. Da hat allen viel Gewinn gebracht. Aber auch Fragezeichen bleiben zurück: h-Moll Messe und Weihnachten? Warum h-Moll Messe nicht im sakralen Raum?

2017 kommen wir diesen Anregungen entgegen. Wir konzipieren anders, und diesmal spielen wir in der Kirche. Das grosse Werk diesmal zweizuteilen rechtfertigt sich dadurch, dass sich die Entstehung durch Bach ebenfalls über eine lange Zeit verteilt hat.

Obs dann gut war, wird sich nach den Aufführungen zeigen. Aber ich bin da optimistisch.

Also: zuerst im Juni-Konzert die grossen Blöcke Kyrie und Gloria, die ungefähr die Hälfte der ganzen Messevertonung ausmachen.

Was alles in diesem Kyrie und Gloria eingepackt ist, kann in diesem Rahmen nur bruchstückweise erwähnt werden. Kyrie 1: Chromatik pur und ausgedehnt. So wird das Erbarmen grossräumig angerufen. Christe: in D-Dur als Duett strahlt Heiterkeit aus. Kyrie 2: in fis-Moll, komponiert im alten Stil, so wie Generationen vor Bach komponiert haben. Heisst also: Die Bitte um Erbarmen ist uralt. Die Zusammengehörigkeit der drei Sätze wird auch tonartlich unterstrichen: h-Moll, D-Dur und fis-Moll bilden einen Dreiklang, was wiederum klar auf die Dreifaltigkeit hindeutet. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind angerufen.

Gloria: natürlich ein festlicher und tänzerischer Anfangssatz im Dreiertakt (hat wieder mit Trinität zu tun), mündet dann in einen Vierertakt. „Friede auf Erden“ (Vier ist die Zahl des Irdischen) wird hier vertont.

In dieser Weise könnte ich weiter erzählen. Aber ich lasse es mal bei diesen Andeutungen. Die folgenden Sätze sind alle einfach wunderbare Musik. Man muss nicht alle hintergründlichen Details wissen, um diese Musik geniessen zu können. Sie nimmt einen in den Bann. So erwähne ich nur noch den zweitletzten Satz (Quoniam tu solus sanctus), der von seiner Besetzung her einzigartig ist: Ein corno da caccia und zwei Fagotte bilden das Klangbild und musizieren mit dem Bass-Solisten „Du allein bist der Heilige“.

Das Einzigartige an dieser Aussage wird hier klanglich abgebildet. Kein zweites Mal hat Bach auf eine gleiche Besetzung zurückgegriffen. Und wie genial dieser Satz lückenlos in den Schlussjubel mit dem Chor mündet!

Passend überdies die populäre Orchestersuite in h-Moll, die dem ersten Messeblock hier vorangestellt wird. Die zweite, ebenso populäre Suite, folgt dann im September.

Beide Suiten passen gut zur Messevertonung, sie haben Hit-Charakter und vermitteln einer breiten Zuhörerschaft den ersehnten Wiedererkennungseffekt.

Zu guter Letzt: Zum zweiten Mal präsentieren wir in der Juni-Aufführung junge Solisten, die direkt vor oder nach ihrem Masterabschluss stehen oder diesen schon absolviert haben. Wir freuen uns, mit diesen hoch-qualifizierten Stimmen zusammen zu musizieren, und wissen, dass auch sie sich freuen.

Franz Schaffner