Neue Nuancen noch während des Konzertes

Gastbeitrag unserer Konzertmeisterin Naomi Lozano-Tolksdorf:

Als ich vor fünf Jahren das erste mal im Bach Ensemble Luzern mitspielen durfte, war ich beeindruckt von der Freude und Begeisterung am gemeinsamen Musizieren. Die wunderbare Musik die wir spielen ist sicher einer der Gründe, die zu so einer Atmosphäre beitragen, aber auch die Art wie Franz Schaffner das Ensemble leitet, spielt dabei eine grosse Rolle. Oft erläutert er uns in den Proben spannende Fakten, Hintergründe und Symboliken zu den Werken die wir spielen, welche mich immer wieder zum Staunen bringen über diese wunderbare und unglaublich komplexe Musik. Grundsätzliche Sachen zu Phrasierungen, Artikulation etc. wird oft nur in wenigen Worten besprochen und viel mehr durchs spielen, aufeinander hören und reagieren in Einklang gebracht. Diese Reaktionsfähigkeit des Ensembles ist etwas sehr wertvolles und Franz Schaffner weiss dies auch gut zu nutzen. Es kommt durchaus vor, dass er uns Musiker sogar im Konzert noch zu neuen, überraschenden musikalischen Nuancen leitet und solche Spontanität lässt die Musik lebendig und dynamisch klingen.

Ein persönlicher Höhepunkt in meiner bisherigen Spielzeit im Bach Ensemble Luzern ist das diesjährige Programm welches J.S. Bachs grösste Werke beinhaltet. Diese haben mich schon von Kind auf als Zuhörerin unglaublich beeindruckt und sie mit dem Bach Ensemble Luzern spielen zu dürfen ist für mich ein Traum, der in Erfüllung geht. Als Christin und Musikerin empfinde ich einen besonderen Bezug zu Bach und seiner Musik. Im gleichen Sinne wie er seine Werke komponiert und jeweils am Schluss Unterzeichnet hat, möchte auch ich seine Musik spielen – Soli Deo Gloria!

Naomi Lozano-Tolksdorf

 

Bescheidenheit gegenüber der Unvergänglichkeit

Gastbeitrag unseres Solisten Valentin Johannes Gloor:

Wie kann es sein, dass uns Johann Sebastian Bachs Musik nach fast dreihundert Jahren noch immer etwas mitzuteilen hat? Wenn ich mir überlege, welche meiner eigenen Handlungen in dreihundert Jahren wohl noch irgendeine Resonanz haben wird (Antwort: keine einzige), bleibt in mir nur ein grosses Staunen über diesen längst verstorbenen Komponisten und seine Werke. So viel Existenz ist in diesen Werken, so viel Geist. Da kann und will ich einfach nur bescheiden sein. Und letztlich – immer öfter komme ich zu diesem Schluss – ist es doch ein unglaubliches Geschenk und Privileg, sich als Musiker, als Sänger mit dieser grossartigen Musik beschäftigen zu können, ja zu dürfen. Dabei macht es uns Bach keineswegs „einfach“. Er fordert einiges und manchmal alles von uns, bevor er uns beschenkt. Aber wie nach langen Wanderungen gilt auch hier: Je mehr man sich eingesetzt hat, desto grösser ist der Genuss auf dem Gipfel.

Wenige schaffen es wie Franz Schaffner, sich so konzentriert und doch zugleich entspannt und inspirierend diesem Meister anzunähern. Das ist es reine Freude für die Mitmusizierenden und für das Publikum.

Mit Bachs H-moll-Messe steht mindestens ein Viertausender an. Welch ein Genuss wird das sein!

Valentin Johannes Gloor

 

Grosses von Bach, nächste Folge: Credo, Sanctus und Benedictus, Agnus Dei

Die zweite Hälfte der h-Moll Messe steht an. Ein überwiegender Anteil an Chornummern ist hier komponiert: Von den 16 Sätzen sind deren 12 dem Chor zugewiesen. Die Musik selbst präsentiert sich in vielfältigsten Schattierungen. Meditatives mit absteigenden Linien bei „Et incarnatus est“ etwa, Seufzermotive bei „Crucifixus“, Triumphales in der Auferstehungsmusik „Et resurrexit“.

Ganz zu schweigen von den hintergründlichen symbolischen Zeichen, mit denen Bach seine Musik immer wieder durchsetzt. Ein Beispiel, der Satz „Crucifixus“. Der viertaktige Gang in den Bässen wiederholt sich 13 Mal, was bedeuten mag „jetzt schlägt’s dreizehn“.

Die dazu gehörende Textstelle im Credo heisst „gelitten unter Pontius Pilatus, gestorben und begraben“.

Es wird öfter in Frage gestellt, ob Bach die verblüffenden Sachen mit den Zahlen bewusst miteinbezogen habe, oder ob hier nicht persönliche Fantasie gelegentlich durchbrenne.

Eine klare Antwort gibt Bach selbst: Nach dem Schlusstakt des zweiten Credo-Satzes (Patrem omnipotentem) steht von Bachs Hand die Zahl 84. So etwas erscheint sonst nirgends in seinen Manuskripten. Bach hat hier bewusst 84 Takte komponiert. 84 ist das Produkt aus 7 x 12. 7 ist die heilige Zahl, 12 ist wiederum aus 4 x 3 zusammengesetzt. Vier steht für das Irdische, Drei für das Göttliche. „Ich glaube…..an den allmächtigen Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat“.

Das Thema gibt noch viel her, man läuft Gefahr, auszuschweifen. Das lasse ich hier mal.

Ein paar Warte aber doch noch zum Sanctus der Messe.

In diesem Teil wird die Dreifaltigkeit verherrlicht.

Somit hat die Drei eine wichtige Rolle als Symbol, hier aufgelistet:

  • Der Chor ist zweigeteilt in je drei Stimmen.
  • Der dreistimmige Trompetensatz überstrahlt den Gesamtklang.
  • Der Triolen-Rhythmus dominiert den ganzen Satz.
  • Im einzigen Satz der ganzen Messe sind drei Oboen verlangt.
  • Die Pauke spielt bei jedem Einsatz immer sechs, also 2×3 Töne.
  • Die Bass-Instrumente spielen fast durchwegs Oktavsprünge von oben nach unten, meist auch in Drei-Taktgruppen. die Oktave, weil sie alle Töne einer Skala umspannt, bedeutet auch hier, wie so oft bei Bach: die textliche Aussage gilt umfassend für die ganze Welt.

Staunen immer wieder über so viel Aussage einer Musik, die über ihre Töne weit hinausgeht!

Franz Schaffner

Grosses von Bach

Das ist heuer beileibe eine „Auswahlsendung“. Zweifellos trifft dieser Ausdruck auf die gewählten Werke zu. Aber es gäbe noch viel anderes Grosses von Bach…

Kleine Rückschau: 2011 war die h-Moll Messe das ganze Jahr gegenwärtig. Kombiniert mit Kantaten, aus welchen Bach Sätze für die grosse Messevertonung adaptierte, beschäftigte uns dieses Monumentalwerk ein Jahr lang, um es am Ende im KKL als Ganzes aufzuführen. Da hat allen viel Gewinn gebracht. Aber auch Fragezeichen bleiben zurück: h-Moll Messe und Weihnachten? Warum h-Moll Messe nicht im sakralen Raum?

2017 kommen wir diesen Anregungen entgegen. Wir konzipieren anders, und diesmal spielen wir in der Kirche. Das grosse Werk diesmal zweizuteilen rechtfertigt sich dadurch, dass sich die Entstehung durch Bach ebenfalls über eine lange Zeit verteilt hat.

Obs dann gut war, wird sich nach den Aufführungen zeigen. Aber ich bin da optimistisch.

Also: zuerst im Juni-Konzert die grossen Blöcke Kyrie und Gloria, die ungefähr die Hälfte der ganzen Messevertonung ausmachen.

Was alles in diesem Kyrie und Gloria eingepackt ist, kann in diesem Rahmen nur bruchstückweise erwähnt werden. Kyrie 1: Chromatik pur und ausgedehnt. So wird das Erbarmen grossräumig angerufen. Christe: in D-Dur als Duett strahlt Heiterkeit aus. Kyrie 2: in fis-Moll, komponiert im alten Stil, so wie Generationen vor Bach komponiert haben. Heisst also: Die Bitte um Erbarmen ist uralt. Die Zusammengehörigkeit der drei Sätze wird auch tonartlich unterstrichen: h-Moll, D-Dur und fis-Moll bilden einen Dreiklang, was wiederum klar auf die Dreifaltigkeit hindeutet. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind angerufen.

Gloria: natürlich ein festlicher und tänzerischer Anfangssatz im Dreiertakt (hat wieder mit Trinität zu tun), mündet dann in einen Vierertakt. „Friede auf Erden“ (Vier ist die Zahl des Irdischen) wird hier vertont.

In dieser Weise könnte ich weiter erzählen. Aber ich lasse es mal bei diesen Andeutungen. Die folgenden Sätze sind alle einfach wunderbare Musik. Man muss nicht alle hintergründlichen Details wissen, um diese Musik geniessen zu können. Sie nimmt einen in den Bann. So erwähne ich nur noch den zweitletzten Satz (Quoniam tu solus sanctus), der von seiner Besetzung her einzigartig ist: Ein corno da caccia und zwei Fagotte bilden das Klangbild und musizieren mit dem Bass-Solisten „Du allein bist der Heilige“.

Das Einzigartige an dieser Aussage wird hier klanglich abgebildet. Kein zweites Mal hat Bach auf eine gleiche Besetzung zurückgegriffen. Und wie genial dieser Satz lückenlos in den Schlussjubel mit dem Chor mündet!

Passend überdies die populäre Orchestersuite in h-Moll, die dem ersten Messeblock hier vorangestellt wird. Die zweite, ebenso populäre Suite, folgt dann im September.

Beide Suiten passen gut zur Messevertonung, sie haben Hit-Charakter und vermitteln einer breiten Zuhörerschaft den ersehnten Wiedererkennungseffekt.

Zu guter Letzt: Zum zweiten Mal präsentieren wir in der Juni-Aufführung junge Solisten, die direkt vor oder nach ihrem Masterabschluss stehen oder diesen schon absolviert haben. Wir freuen uns, mit diesen hoch-qualifizierten Stimmen zusammen zu musizieren, und wissen, dass auch sie sich freuen.

Franz Schaffner

Eine junge Solistin sagt: “Danke Franz!”

Die junge Solistin Ursina Patzen richtet in ihrem Gastbeitrag ein paar Worte an Franz Schaffner:

Lieber Franz Schaffner

Seit einem Jahr fördern das Bach Ensemble und Du junge Solisten bei euren Konzerten. Als du mich letztes Jahr darauf angesprochen hast, dass vielleicht auch für mich eine Möglichkeit auf eine Mitwirkung in einem Deiner Projekte besteht, habe ich mich sehr darüber gefreut. Dass es jetzt geklappt hat, ist um so schöner, war es doch ein lang gehegter Wunsch von mir. Es ist nicht selbstverständlich, dass ein renommiertes Ensemble für bedeutende Konzerte junge Solisten und Solistinnen engagiert. Dieses Vertrauen bedeutet mir sehr viel und stärkt mich in meiner Tätigkeit als Sängerin.

In meiner Ausbildung wurde mir gesagt, dass Selbstzweifel häufig und durchaus normal sind und wie du weist, habe ich ab und zu damit zu kämpfen. Durch dich habe ich gelernt, dass es wichtig ist, für sich einzustehen, seine eigene musikalische Persönlichkeit zu entwickeln und an sich zu glauben. Dank Engagements, wie das kommende Konzert am 11. Juni, fühle ich mich in meiner Entwicklung bestätigt und freue mich darauf, mein Können zu präsentieren. Unsere Diskussionen über Bachs Musik und deren Interpretation im Unterricht habe ich stets genossen. Du hast mich durch deine Offenheit und Denkanstösse ermutigt, meine Sicht der Dinge auszudrücken und zu erweitern. Die h-Moll Messe haben wir zu dieser Zeit leider nur am Rande gestreift, um so mehr freue ich mich auf die Zusammenarbeit mit dir und dem Bach Ensemble an diesem Meisterwerk.

Ich möchte mich auf diesem Weg bei Dir und dem Bach Ensemble herzlich dafür bedanken, dass ihr an uns junge Sängerinnen und Sänger glaubt und uns im wahrsten Sinne des Wortes eine Stimme gebt. Ich bin stolz darauf, ein Teil davon zu sein. Danke Franz! Macht weiter so!

In Vorfreude,

Ursina

 

Vom Paukenspieler zum Chorsänger

Gastbeitrag von Chorsänger Marcel Oppliger

Es war eine gute Entscheidung, mich während der letzten Jahre meiner Unterrichtstätigkeit als Schlagzeuglehrer (Klassisches Schlagzeug) mit der Stimme auseinanderzusetzen. Um meinen Ansprüchen gerecht zu werden, nahm ich Gesangstunden, ohne das Ziel haben, in einem Chor zu singen. Gleichzeitig übergab ich meine Barockpauken dem Bach Ensemble, habe die Barockschlägel beiseitegelegt und mich vom Muszieren in diversen Orchestern zurückgezogen. Die wenigen Auftritte jährlich wurden für mich eher zu einer Belastung.

J.S. Bach war mit dem Pauker zwar «gnädig». Er schrieb meist nur zwei Töne (D und A) und setzte diese erst noch sparsam ein. Mir war es manchmal fast ein wenig peinlich, wenn wir (Pauken und Trompeten) den grossen Applaus entgegennehmen durften, hatten doch eher die Trompeter die Glanzleistung vollbracht.

Wobei, so einfach war es mit den Ziegenfellen bespannten Pauken dann doch nicht. Da gab es ab und zu schon kleine «Kämpfe», bis die beiden «Ziegen» bereit waren, sich schlagen zu lassen. Naturfelle sind wegen der Luftfeuchtigkeits- und Temperaturunterscheide sehr empfindlich. Da können die Kirchenfenster bei Sonneneinstrahlung noch so farbig leuchten, wenn die eine Pauke bestrahlt wurde und die andere im Schatten stand, war die Stimmung bei mir und bei den Pauken nicht optimal.

In den meisten Bach-Kantanten steht in den Pauken-Noten ohnehin viel «tacet», was mir Zeit gab, dem Orchester und natürlich den Solisten aufmerksam zuzuhören. Das führte mich noch näher an diese Musik heran, ohne tiefer auf die vielen — oft versteckten — Aussagen im Notentext einzugehen. Franz Schaffner weist ja in den Proben immer gut dosiert auf die Bach’schen Geheimnisse hin.

Nach drei Jahren kenne ich das Innenleben des Bach-Chors. Wegen der Choraufstellung bei den Konzerten bin ich ja eigentlich vom Pauker zum Bass-Sänger aufgestiegen! Nein, es war kein Aufstieg, mehr ein Einstieg. Neben den vielen Sängern/-innen mit jahrelanger Erfahrung, musste ich richtig «Gas geben». Das ist eine ganz andere Welt, als die eines Orchesterschlagzeugers. Wenn ein Kollege sagt, ich hätte doch rhythmische Vorteile, mag das stimmen, löst bei mir aber lediglich ein leichtes Schmunzeln aus. Da sind für mich andere Hürden, die es zu bewältigen gilt.

Nach vier bis fünf Proben stehen die Tutti-Proben auf dem Programm. Diese empfinde ich umso entspannter, je präsenter der Chor und das Orchester ist und je weniger Elementares geübt werden muss. Zuoberst auf dem Chorpodest habe ich natürlich eine gute Übersicht und kann das Orchester und die Solisten sehr genau beobachten. Da ich selber eine Dirigierausbildung genossen habe, interessieren mich natürlich auch vor allem die Dirigenten. Der Fokus ist deshalb auf sie gerichtet. Aber bei Franz Schaffner ist das nicht nötig, habe ich doch 25 Jahre unter ihm gespielt. Es ist mehr eine Bestätigung: Sein Dirigat ist exzellent, alles eben im Sinn einer Bach-Partitur. Mich stören Dirigenten, die Bach wie eine romantische Sinfonie dirigieren. So entsteht dann ein eindrückliches Konzert wie die Johannes-Passion. Von meinem Standort konnte ich die Begeisterung im Zuhörerraum besonders gut wahrnehmen.

Ist J.S. Bach mein Lieblingskomponist? Nein, es gibt so viele Komponisten, die gute Musik verschiedenster Gattungen geschrieben haben. So gefallen mir z.B. Scarlatti-Sonaten, Rameau-Suiten (vor allem die mit Angela Hewitt). Ein schöner Gegensatz sind dann die Wesendonck-Lieder von Richard Wagner (gesungen von Anne Sofie von Otter). Darin stecken viele tiefe Emotionen.

J.S.Bach nimmt einen wichtigen Platz ein und seit ich mitsinge ist klar, dass ich mich noch mehr mit seiner Musik befasse. Aber für mich gibt es noch andere grosse Meister: z.B. ist da Anton Bruckner. Und ja, da gibt es noch ein «B», aber nicht Bee…, sondern Bra…

Marcel Oppliger

 

Annäherungen an die Johannespassion

Wenn dieses grossartige Werk im März bei uns wieder auf dem Programm steht, geschieht dies zum 4 ½. Mal. Ja, richtig gelesen: 2005 musizierten wir eine gewagte Kombination aus Teilen der Bachschen Passion mit der Johannespassion von Alessandro Scarlatti, um dann ein Jahr später das ganze Werk von Bach aufzuführen. Seit diesem Datum sind die Aufführungsintervalle regelmässig: 2009, 2013 und jetzt 2017. Dahinter steht die klare Absicht des Repertoiregedankens.

Dass in dieser Zeitspanne die Annäherung an das komplexe Werk immer wieder neu beginnt, versteht sich von selbst. Und der Lohn ist gross: immer wieder tauchen neue Erkenntnisse auf.

Eine davon sei hier heraus geschält: Im Turbae-Chor „Wäre dieser nicht ein Übeltäter“ ist die Chromatik überdeutlich gezeichnet und nicht zu überhören. Wenig später in „wir dürfen niemand töten“ taucht dieselbe Chromatik wieder ohrenfällig zum Wort „töten“ auf.

Bach nimmt also persönlich Stellung, d.h. wer tötet, macht sich selbst zum Übeltäter. Faszinierend ist dieser kompositorische Ansatz!

Die Johannespassion ist reich an musikalischen Symbolen. Allein dieser Aspekt würde mühelos ein stündiges Referat füllen. Hier fehlt der Platz zum Ausschweifen, ein paar Beispiele mögen für diesen Reichtum genügen.

Ein Kreuzmotiv ist per se hörbar, noch mehr aber sichtbar in den geschriebenen Noten: Wenn bei vier aufeinander folgenden Noten die erste mit der vierten und die beiden mittleren miteinander verbunden werden, entsteht ein (Andreas-) Kreuz.

Solche Kreuzmotive sind in der Johannespassion fast omnipräsent. Besonders eindrücklich ist die Rezitativ-Stelle „welchen Todes er sterben würde“: In Kleinstbesetzung (Evangelist mit Continuo) wird innerhalb eines Taktes alles gesagt. Das Kreuzmotiv ist im Bass, aufwühlende Akkorde und Seufzerfiguren in der Singstimme sind zu hören.

Der Takt endet mit einem Schlussakkord in C-Dur. Also: Der Kreuzestod führt  zur Auferstehung.

Details sind auch in vielen Chorälen aufzuspüren.

Einer sei hier stellvertretend erwähnt. „Christus, der uns selig macht“ zeichnet mit seinen affektgeladenen Harmonien den Text ab und greift im Stil weit voraus.

In den letzten beiden Takten bedient sich Bach eines alten Stilmittels, die musikalischen Wendungen und Stimmführungen könnten von Palestrina stammen.

Der Text dort lautet: „Wie denn die Schrift saget“.

Diese wenigen Bespiele legen beredtes Zeugnis ab: Sich der Bachschen Partitur immer wieder von neuem anzunähern ist eine einzige Bereicherung!

Franz Schaffner

Das ist Bach: vielschichtig, tiefgründig und vieles mehr

Luzia Küchler spielt im Orchester Violine und schildert uns hier ihr Gedanken zum bevorstehenden Konzert:

Bald ist es wieder soweit. Unser erstes Konzert in diesem Jahr, in welchem die Johannes Passion von Johann Sebastian Bach erklingen wird, steht vor der Tür. Die Noten sind schon vor einiger Zeit eingetroffen und ich übe abwechselnd zuhause und in den Pausen zwischen den Lektionen an den Musikschulen, wo ich Violine unterrichte.

Bereits die ersten Töne des Eingangschores vergegenwärtigen mir die Stimmung dieses grandiosen Werks. „Herr unser Herrscher!“ – das müsste doch eigentlich anders klingen. Diese schleichenden Sechszehntel stellen nicht Glanz und Herrlichkeit dar, vielmehr vermitteln sie das mulmige Gefühl, dass hier etwas Ungeheuerliches im Anzug ist. Das ist Bach: vielschichtig, tiefgründig und vieles mehr.

In dieser Passion treten die Gegensätze besonders stark hervor. Die mörderischen Rufe der aufgewiegelten Menge und die Hetze der Hohepriestern, welche in hohen Stimmlagen ertönen, bilden einen klaren Kontrast zu der tiefen, ruhigen Stimme von Jesus, die seine Erhabenheit über dieses menschliche Gezänke hervorhebt. Die aufwühlende Erzählung des Evangelisten wird von besinnlichen und beschaulichen Arien und Chorälen abgelöst. Der Chor hat dabei die anspruchsvolle Aufgabe, mal aggressiv, mal einfühlend zu agieren.

In der Arie „Es ist vollbracht“ wird der Sieg über den Tod und die Auferstehung sowohl in Wort wie in der Musik angekündigt. Der Schlusschoral weist tröstlich ins Jenseits.

Ich freue mich schon auf den Samstag, an dem alle Streicher zur ersten gemeinsamen Probe zusammenkommen. Franz Schaffner arbeitet sehr konzentriert und effizient. Bei allem Feilen und aller Sorgfalt verliert er sich nie in Details. Mit klarem Blick auf das Wesentliche wählt er die Schwerpunkte der Probearbeit und behält dabei das Ganze im Auge.

Doch gelegentlich, nach intensivem Üben, ruhen die Instrumente. Das ist der Moment in dem Franz uns einige Einblicke in die Zahlensymbolik des soeben geprobten Bach Werkes gewährt. Er kann meistens nur einen kleinen Teil dieser Beispiele erläutern, da diese Musik voll von solchen verschlüsselten Botschaften ist. Das lässt uns immer wieder von Neuem staunen, und vermittelt ein vertieftes Verständnis für diese unglaublich genialen Werke.

Alle Mitwirkenden verbindet eine grosse Liebe zu dieser wunderbaren Musik. Ich sehe so viel Engagement von allen Seiten und bin überzeugt, dass jeder hier sein Bestes gibt. Vom Üben bis zum letzten Ton der Aufführung findet eine grosse Steigerung statt.

Franz versteht es in einzigartiger Weise die Spannung zu halten, so dass sich auch das Publikum dem Bann der Musik nicht zu entziehen vermag. Ich erlebe die Zuhörer immer sehr aufmerksam,- ja andächtig. Der innigste Moment aber ist die Stille, wenn der letzte Akkord verklungen ist. Hier sammelt sich noch einmal die ganze Kraft im Inneren, bis der Dirigent die Arme senkt und der Applaus beginnt.

Für all die beglückenden Momente, die ich mit dem Bach Ensemble erleben durfte und hoffentlich noch darf, erfüllt mich grosse Dankbarkeit!

 

 

 

 

 

Die Kunst des Erzählens oder was Buckelwale mit der Johannespassion zu tun haben

Ein Gastbeitrag von Hans-Jürg Rickenbacher, der als Evangelist im Rahmen der Johannespassion zu hören ist:

 

Ein Erzähler hat viele gestalterischen Möglichkeiten, eine Geschichte spannend, überraschend und packend darzustellen, wenn seine Zuhörinnen und Zuhörer ihren Inhalt noch nicht kennen und neugierig auf den Plot sind. Wie erzähle ich nun als Evangelist eine Geschichte, die alle bereits kennen, niemand deswegen ins Konzert gekommen ist sondern eher wegen der Musik, dem Chor, dem Ensemble, dem Orchester, den Chören und Arien und sicher nicht wegen dem sattsam bekannten Bericht einer römischen Hinrichtung vor 2017 Jahren? Diese Aufgabe könnte leichter sein und ich beginne zuerst im Tierreich:

„Der Gesang der Buckelwale ist eine geordnete Sequenz von vielen Lauten, die im Hörbereich des Menschen liegt. Ein Lied besteht aus Serien von bis zu 15 Minuten langen Phrasen. Der männliche Buckelwal singt nur während der Reproduktionszeit. Der Gesang signalisiert den anderen Walen seine Gesundheit und seinen Zeugungswillen. Die Gesänge der Buckelwale werden unter Wasser von den anderen Walen auf eine Distanz von 50 bis 100 km gehört.

Ausser den Gesängen der Männchen können alle Wale „soziale Geräusche“ von sich geben wie: Schnarchen, Husten, Quieken, Poltern und Trompeten. Wale haben keine eigentlichen Stimmbänder. Sie produzieren Geräusche indem sie Luft mit Druck durch kleine Säcke des Atemapparates pressen. Buckelwale benützen visuelle Signale für die Kommunikation auf kurze Distanz und akustische für grosse Entfernungen.“

Diese gesangtechnischen Superlative beeindrucken nebst vielen anderen Informationen die Besucher des Freiluft-Walmuseums in Puerto Lopez an Ecuadors Pazifikküste. Obschon etliche Opernarien durchaus von „Gesundheit und Zeugungswillen“ berichten, verneigt sich der menschliche Sänger angesichts fünfzehnminütiger Phrasen und einem bis zu 100 km weiten Hörbereich bescheiden vor dem männlichen Buckelwal. Auch wir überbrücken heute grössere Distanzen „akustisch“ mittels Telefon und für ein Konzert fliegen wir ab und an auch mal interkontinental doch die Wale schaffen dies alles ohne Hilfsmittel, sogar ohne Stimmbänder (!)  und schwimmen dabei alljährlich von den Polarmeeren bis in aequatoriale Gewässer in ihre Reproduktionsgebiete und wieder zurück – einfach so.

Vor 50 Millionen Jahren entwickeln sich die Wale aus den Mesonychia, einer Gruppe fleischfressender Paarhufer, denen das heutige Flusspferd am nächsten verwandt ist, und werden zu Meeresbewohnern.

Mit einigem zeitlichen Abstand fängt der Homo sapiens vor rund 200 000 Jahren an, Musik und Sprache zu entwickeln. Letztere bringt ihm durch ihre Informationsmöglichkeit entscheidende Vorteile gegenüber den körperlich in fast Allem überlegenen Tieren.

Und die Musik, was bringt die Musik eigentlich? Hätte Sprache nicht bereits ausgereicht zum Überleben und zur Überlegenheit ? War Musik nicht von Anfang an eigentlich überflüssig?

Steven Mithen schreibt in seinem Buch „The singing Neanderthals – the origin of Music, Language, Mind and Body“, dass Gesang per se nichts Weiteres sei als ein Bewegungsprodukt der verschiedenen Teile des Atemapparats vom Zwerchfell bis zu den Lippen. Ein „Organ-Tanz“ also und weiter hätten Sprache und Musik drei Ausdrucksarten gemeinsam: die Vokalisierung in Sprache und Gesang, die Gestik in Gebärde und Tanz sowie die Schrift in Wort und Musiknotation. Beide Bereiche entwickelten eine differenzierte Symbolik, wobei die Sprache all ihre Zeichen in Sinn und konkrete Information ausprägte und die Musik eine eigentliche Gegenwelt dazu schuf, indem sie gerade nicht konkrete Information verschlüsselt sondern „abstrakt“ alles transportiert, was wir in sie hineinlegen.

Die einfache Tatsache, dass verschiedene Sprachen ineinander „übersetzbar“ sind, bei Musik hingegen weder Übersetzungen in verschiedene Stile nötig noch sinnvoll sind, weil ja gerade der Stil, die Epoche, die Gattung etc. jeweils ihr Wesen ausmacht, zeigt, dass Sprache sehr wohl „Musik“ braucht, um transportiert werden zu können, die Musik aber ganz gut ohne Sprache zurecht kommt. Das bedeutet auch, dass Musik älter und ursprünglicher ist, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass zuerst Begriffe entstanden sind und anschliessend Emotionen hinzukamen.

Ich möchte sogar soweit gehen und behaupten, dass die Musik unsere verloren gegangene Körperlichkeit sublimiert und  bewahrt hat. Wenn die Sprache unsere Kommunikation in ein geniales System von Symbolen hineingiessen konnte, dann machte die Musik Vokalisierung, Gestik und Schrift „ohne Sinn“ transportfähig; eine „Metakommunikation“, die ohne Wortlast und Sinnbalast tanzen, fliegen und singen kann.

Und nun wieder zurück zu Bach, zur Johannespassion und zum Evangelisten mit seinem allseits bekannten Thema: Johann Sebastian Bach komponiert in alle Rezitative einen Subtext hinein, interpretiert den nicht als dramaturgisch durchdachtes Libretto verfasstenText auf sehr persönliche Weise: hochbarock-kontrastreich, expressiv und subtil ausgewogen. In diese „fertige Inszenierung“ begebe ich mich als Evangelist mit dem Continuo zusammen hinein und kann nun wieder frei gestalten, wie ein Schauspieler, der einen bekannten Monolog zum erneuten Male und immer wieder neu darstellen kann.

Mit dem Bach Ensemble Luzern ist dies ein besonderes Vergnügen, denn hier wird hochprofessionell geprobt, effizient gearbeitet und subtil musiziert. Mit diesem Hintergrund bekommt ein Evangelist in einer Aufführung mit Franz Schaffners Bach Ensemble wiederum viele gestalterischen Möglichkeiten, seine Geschichte spannend, überraschend und packend darzustellen – lassen Sie sich überraschen!