Archiv der Kategorie: Franz Schaffner über die Werke

September-Konzert: Johann Christian Bach – Johann Sebastian Bach – Joseph Haydn

Nach dem Requiem und dem Miserere, die im März und Juni erklangen, folgen nun noch zwei Einzelsätze mit «Kyrie» und «Credo breve», beides ebensolche Perlen geistlicher Musik des jüngsten Bach-Sohnes, allesamt in Mailand zwischen 1754 und 1762 entstanden.

Alles Notenmaterial aus dieser Mailänder Zeit stammt aus dem Kloster Einsiedeln. Zwischen Mailand und Einsiedeln herrschte im 18. Jahrhundert ein reger kultureller Austausch. Zwischen diesen Orten liegt Bellinzona, damals ebenfalls mit einem Benediktinerkloster, welches unter Einsiedelns Obhut stand. Nach dessen Auflösung gelangten viele Güter nach Einsiedeln, so auch die meisten Musikalien. Damit verdanken wir dem Kloster Einsiedeln das Material, aus dem wir diese wertvolle Musik spielen und singen dürfen.

Und natürlich geht die musikalische Reise weiter mit einer Bach-Kantate. Es ist «Wer da gläubet und getauft wird» zu Himmelfahrt. Trotz Festtag ist die knappe Besetzung hier auffallend, dies aber ohne an Farbenvielfalt einzubüssen. Das Werk erlangte schnell grosse Beliebtheit und Verbreitung – es ist halt einfach eine schöne und frohe Kantate.

Nach den ersten beiden Cellokonzerten von Stamitz und Carl Philipp Emanuel Bach geht es zu den beiden Konzerten von Joseph Haydn, jetzt jenes in D-Dur, dann im KKL das «grosse» in C-Dur. Die Freude, mit unserem Solisten Jürg Eichenberger diese Werke zu musizieren, beflügelt alle Beteiligten. Hier ist Energie pur !

Franz Schaffner

 

Johann Sebastian Bach – Carl Philipp Emanuel Bach – Johann Christian Bach

Es ist wieder Juni-Konzert: wir freuen uns auf die jungen Solistinnen und Solisten der HSLU – Musik! Junge talentierte Stimmen stellen sich vor und sind herzlich willkommen bei uns.

Nach dem fulminanten Start im März mit dem A-Dur Cellokonzert von Carl Stamitz und Jürg Eichenberger als Solisten geht die Reihe weiter mit dem Konzert für Violoncello und Streichern von Carl Philipp Emanuel Bach. Auf die zupackende Deutung durch Jürg Eichenberger ist jetzt schon Vorfreude angesagt. Das Werk ist insofern eine Rarität, dass es dieses auch noch in zwei weiteren Fassungen gibt, nämlich eine für Flöte und eine für Cembalo. Recycling in Reinkultur.

Die Kantate BWV 131 «Aus der Tiefen rufe ich», ist eine der frühesten des 22-jährigen Johann Sebastian Bach. Eigentlich besteht das Werk aus einem einzigen Satz, der dauert allerdings 25 Minuten. Verschiedene Formen sind unbekümmert aneinandergereiht. Es gibt keine Rezitative, und ariose Abschnitte werden immer mit einer Choralmelodie begleitet.

Ebenfalls 22-jährig war der jüngste Bach-Sohn Johann Christian, als er in Mailand die Vertonung des 51. Psalms (Miserere) veröffentlichte. Zusammen mit dem Requiem – im letzten Konzert bei uns erklungen – brachten dem jungen Komponisten nicht nur Publikumserfolge, sondern auch Opernaufträge ein. Die Ernsthaftigkeit des Psalmtextes liesse entsprechende Musik erwarten. Nichts davon: wie im Requiem versprüht diese 9-sätzige Musik aufbauende, zuversichtliche Stimmung. Die geistlichen Werke dieser Zeit um 1757 begeisterte das Mailänder Publikum, und hoffentlich auch jedes in der Franziskanerkirche am 10. Juni.

Franz Schaffner

Johann Sebastian Bach – Carl Stamitz – Johann Christian Bach

Nachdem „Grosses von Bach“, das Jahresthema 2017, verklungen ist, bleiben davon viele wunderbare Erinnerungen.

Nun schreitet die Zeit weiter, und wir mit ihr. Auch dieses Jahr ist prachtvolle Musik auf dem Plan. Gerne erinnere ich an das Requiem und Miserere von Johann Christian Bach, beides Werke, die wir 2013 quasi neu aufgeführt haben. Das Kloster Einsiedeln mit Pater Lukas Helg hat uns die Handschriften zur Verfügung gestellt, und wir liessen diese dann aufführungspraktisch herstellen. Nicht allein diese Investition, sondern die Musik selbst ist es wert, diese nach fünf Jahren wieder aus dem Archiv zu holen. Zu schade, diese liebenswürdigen Werke im Keller zu lagern.

Diesmal verteilen wir die Werke auf mehrere Konzerte und ergänzen noch durch weitere kürzere Kompositionen des jüngsten Bach-Sohnes.

Wie die letzten Jahre fahre wir jeweils auf drei Schienen gleichzeitig: Wir haben Chorwerke von Bach-Söhnen auf dem Programm. Und wir musizieren mit dem „Jahressolisten“ Jürg Eichenberger aus dem Riesenfundus von Cellokonzerten einige Perlen aus der Früh- und Hochklassik. Und es gibt immer auch eine Bach-Kantate in den Programmen, von denen die meisten Neueinstudierungen sind. So auch die zur Fastenzeit passende Kantate „Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe“. Ihr Inhalt ist barock-typisch: Das menschliche Dasein wird mit einem Hospital verglichen. dessen Erlösung nur der Arzt Jesus bewirken kann. Kunstvolle, meditative und in der Besetzung einzigartige (z. B. drei Flöten) Musik begegnet uns hier.

Daran schliesst tröstliche Musik an mit dem Cellokonzert A-Dur von Carl Stamitz: liebliche Unbeschwertheit, gepaart mit lustvoller Virtuosität kommt einlullend daher. Nicht minder das anschliessende Requiem, dessen Sprache nichts hält von Bedrohlichkeit, sondern die Musik spricht meist in eher sanften Tönen und wirkt gewinnend. Aber nicht ohne Üppigkeit im Klang durch die doppelchörige Anlage.

Franz Schaffner

Grosses von Bach, nächste Folge: Credo, Sanctus und Benedictus, Agnus Dei

Die zweite Hälfte der h-Moll Messe steht an. Ein überwiegender Anteil an Chornummern ist hier komponiert: Von den 16 Sätzen sind deren 12 dem Chor zugewiesen. Die Musik selbst präsentiert sich in vielfältigsten Schattierungen. Meditatives mit absteigenden Linien bei „Et incarnatus est“ etwa, Seufzermotive bei „Crucifixus“, Triumphales in der Auferstehungsmusik „Et resurrexit“.

Ganz zu schweigen von den hintergründlichen symbolischen Zeichen, mit denen Bach seine Musik immer wieder durchsetzt. Ein Beispiel, der Satz „Crucifixus“. Der viertaktige Gang in den Bässen wiederholt sich 13 Mal, was bedeuten mag „jetzt schlägt’s dreizehn“.

Die dazu gehörende Textstelle im Credo heisst „gelitten unter Pontius Pilatus, gestorben und begraben“.

Es wird öfter in Frage gestellt, ob Bach die verblüffenden Sachen mit den Zahlen bewusst miteinbezogen habe, oder ob hier nicht persönliche Fantasie gelegentlich durchbrenne.

Eine klare Antwort gibt Bach selbst: Nach dem Schlusstakt des zweiten Credo-Satzes (Patrem omnipotentem) steht von Bachs Hand die Zahl 84. So etwas erscheint sonst nirgends in seinen Manuskripten. Bach hat hier bewusst 84 Takte komponiert. 84 ist das Produkt aus 7 x 12. 7 ist die heilige Zahl, 12 ist wiederum aus 4 x 3 zusammengesetzt. Vier steht für das Irdische, Drei für das Göttliche. „Ich glaube…..an den allmächtigen Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat“.

Das Thema gibt noch viel her, man läuft Gefahr, auszuschweifen. Das lasse ich hier mal.

Ein paar Warte aber doch noch zum Sanctus der Messe.

In diesem Teil wird die Dreifaltigkeit verherrlicht.

Somit hat die Drei eine wichtige Rolle als Symbol, hier aufgelistet:

  • Der Chor ist zweigeteilt in je drei Stimmen.
  • Der dreistimmige Trompetensatz überstrahlt den Gesamtklang.
  • Der Triolen-Rhythmus dominiert den ganzen Satz.
  • Im einzigen Satz der ganzen Messe sind drei Oboen verlangt.
  • Die Pauke spielt bei jedem Einsatz immer sechs, also 2×3 Töne.
  • Die Bass-Instrumente spielen fast durchwegs Oktavsprünge von oben nach unten, meist auch in Drei-Taktgruppen. die Oktave, weil sie alle Töne einer Skala umspannt, bedeutet auch hier, wie so oft bei Bach: die textliche Aussage gilt umfassend für die ganze Welt.

Staunen immer wieder über so viel Aussage einer Musik, die über ihre Töne weit hinausgeht!

Franz Schaffner

Grosses von Bach

Das ist heuer beileibe eine „Auswahlsendung“. Zweifellos trifft dieser Ausdruck auf die gewählten Werke zu. Aber es gäbe noch viel anderes Grosses von Bach…

Kleine Rückschau: 2011 war die h-Moll Messe das ganze Jahr gegenwärtig. Kombiniert mit Kantaten, aus welchen Bach Sätze für die grosse Messevertonung adaptierte, beschäftigte uns dieses Monumentalwerk ein Jahr lang, um es am Ende im KKL als Ganzes aufzuführen. Da hat allen viel Gewinn gebracht. Aber auch Fragezeichen bleiben zurück: h-Moll Messe und Weihnachten? Warum h-Moll Messe nicht im sakralen Raum?

2017 kommen wir diesen Anregungen entgegen. Wir konzipieren anders, und diesmal spielen wir in der Kirche. Das grosse Werk diesmal zweizuteilen rechtfertigt sich dadurch, dass sich die Entstehung durch Bach ebenfalls über eine lange Zeit verteilt hat.

Obs dann gut war, wird sich nach den Aufführungen zeigen. Aber ich bin da optimistisch.

Also: zuerst im Juni-Konzert die grossen Blöcke Kyrie und Gloria, die ungefähr die Hälfte der ganzen Messevertonung ausmachen.

Was alles in diesem Kyrie und Gloria eingepackt ist, kann in diesem Rahmen nur bruchstückweise erwähnt werden. Kyrie 1: Chromatik pur und ausgedehnt. So wird das Erbarmen grossräumig angerufen. Christe: in D-Dur als Duett strahlt Heiterkeit aus. Kyrie 2: in fis-Moll, komponiert im alten Stil, so wie Generationen vor Bach komponiert haben. Heisst also: Die Bitte um Erbarmen ist uralt. Die Zusammengehörigkeit der drei Sätze wird auch tonartlich unterstrichen: h-Moll, D-Dur und fis-Moll bilden einen Dreiklang, was wiederum klar auf die Dreifaltigkeit hindeutet. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind angerufen.

Gloria: natürlich ein festlicher und tänzerischer Anfangssatz im Dreiertakt (hat wieder mit Trinität zu tun), mündet dann in einen Vierertakt. „Friede auf Erden“ (Vier ist die Zahl des Irdischen) wird hier vertont.

In dieser Weise könnte ich weiter erzählen. Aber ich lasse es mal bei diesen Andeutungen. Die folgenden Sätze sind alle einfach wunderbare Musik. Man muss nicht alle hintergründlichen Details wissen, um diese Musik geniessen zu können. Sie nimmt einen in den Bann. So erwähne ich nur noch den zweitletzten Satz (Quoniam tu solus sanctus), der von seiner Besetzung her einzigartig ist: Ein corno da caccia und zwei Fagotte bilden das Klangbild und musizieren mit dem Bass-Solisten „Du allein bist der Heilige“.

Das Einzigartige an dieser Aussage wird hier klanglich abgebildet. Kein zweites Mal hat Bach auf eine gleiche Besetzung zurückgegriffen. Und wie genial dieser Satz lückenlos in den Schlussjubel mit dem Chor mündet!

Passend überdies die populäre Orchestersuite in h-Moll, die dem ersten Messeblock hier vorangestellt wird. Die zweite, ebenso populäre Suite, folgt dann im September.

Beide Suiten passen gut zur Messevertonung, sie haben Hit-Charakter und vermitteln einer breiten Zuhörerschaft den ersehnten Wiedererkennungseffekt.

Zu guter Letzt: Zum zweiten Mal präsentieren wir in der Juni-Aufführung junge Solisten, die direkt vor oder nach ihrem Masterabschluss stehen oder diesen schon absolviert haben. Wir freuen uns, mit diesen hoch-qualifizierten Stimmen zusammen zu musizieren, und wissen, dass auch sie sich freuen.

Franz Schaffner

Annäherungen an die Johannespassion

Wenn dieses grossartige Werk im März bei uns wieder auf dem Programm steht, geschieht dies zum 4 ½. Mal. Ja, richtig gelesen: 2005 musizierten wir eine gewagte Kombination aus Teilen der Bachschen Passion mit der Johannespassion von Alessandro Scarlatti, um dann ein Jahr später das ganze Werk von Bach aufzuführen. Seit diesem Datum sind die Aufführungsintervalle regelmässig: 2009, 2013 und jetzt 2017. Dahinter steht die klare Absicht des Repertoiregedankens.

Dass in dieser Zeitspanne die Annäherung an das komplexe Werk immer wieder neu beginnt, versteht sich von selbst. Und der Lohn ist gross: immer wieder tauchen neue Erkenntnisse auf.

Eine davon sei hier heraus geschält: Im Turbae-Chor „Wäre dieser nicht ein Übeltäter“ ist die Chromatik überdeutlich gezeichnet und nicht zu überhören. Wenig später in „wir dürfen niemand töten“ taucht dieselbe Chromatik wieder ohrenfällig zum Wort „töten“ auf.

Bach nimmt also persönlich Stellung, d.h. wer tötet, macht sich selbst zum Übeltäter. Faszinierend ist dieser kompositorische Ansatz!

Die Johannespassion ist reich an musikalischen Symbolen. Allein dieser Aspekt würde mühelos ein stündiges Referat füllen. Hier fehlt der Platz zum Ausschweifen, ein paar Beispiele mögen für diesen Reichtum genügen.

Ein Kreuzmotiv ist per se hörbar, noch mehr aber sichtbar in den geschriebenen Noten: Wenn bei vier aufeinander folgenden Noten die erste mit der vierten und die beiden mittleren miteinander verbunden werden, entsteht ein (Andreas-) Kreuz.

Solche Kreuzmotive sind in der Johannespassion fast omnipräsent. Besonders eindrücklich ist die Rezitativ-Stelle „welchen Todes er sterben würde“: In Kleinstbesetzung (Evangelist mit Continuo) wird innerhalb eines Taktes alles gesagt. Das Kreuzmotiv ist im Bass, aufwühlende Akkorde und Seufzerfiguren in der Singstimme sind zu hören.

Der Takt endet mit einem Schlussakkord in C-Dur. Also: Der Kreuzestod führt  zur Auferstehung.

Details sind auch in vielen Chorälen aufzuspüren.

Einer sei hier stellvertretend erwähnt. „Christus, der uns selig macht“ zeichnet mit seinen affektgeladenen Harmonien den Text ab und greift im Stil weit voraus.

In den letzten beiden Takten bedient sich Bach eines alten Stilmittels, die musikalischen Wendungen und Stimmführungen könnten von Palestrina stammen.

Der Text dort lautet: „Wie denn die Schrift saget“.

Diese wenigen Bespiele legen beredtes Zeugnis ab: Sich der Bachschen Partitur immer wieder von neuem anzunähern ist eine einzige Bereicherung!

Franz Schaffner

Franz Schaffner über das Weihnachtskonzert 2016 im KKL

Bach und Vivaldi führten mit bekannten und unbekannten Werken durch das zu Ende gehende Jahr 2016. Bach mit Kantaten, Vivaldi mit geistlichen Werken und Violinkonzerten. Auch mit letzteren ging die Reise durch die Jahreszeiten.

Nun, im Weihnachtskonzert, kommen sich Bach und Vivaldi noch näher: Gloria-Vertonungen und Violinkonzerte von beiden Komponisten erklingen im KKL.

Wunderbar passend zur Weihnachtszeit stehen die Gloria-Werke. „Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden den Menschen“ heisst es in der biblischen Weihnachtsgeschichte. In diesen Zusammenhang fügt sich auch das Magnificat, Mariens Lobgesang, ein: „Hoch preist meine Seel den Herrn, denn er hat Grosses an mir getan“. Zum richtigen Zeitpunkt spielt Dan Dodds mit uns auch den „Winter“ aus „Quattro stagioni“.

Da ergeben sich also viele stimmige Komponenten in diesem Programm. Es sind aber auch architektonische Elemente auszumachen: Das im KKL gespielte Vivaldi-Gloria – das sehr bekannte – spannt einen grossen Bogen zum anfangs Jahr erklungenen „Introduzione e Gloria“.

Das Weihnachtskonzert 2016 bildet einen harmonischen Abschluss des Jahres „Bach – Vivaldi – Dodds“. Für alle waren es Erlebnisse der besonderen Art. Gute Musik machen und musizieren mit dem begnadeten Geiger Daniel Dodds, waren höchst inspirierend und werden es auch im KKL sein.

Bachs Gloria-Kantate stellt gleichzeitig die Weichen zum nächsten Jahr. So wird im 2. Konzert 2017 das Gloria aus der h-Moll Messe wieder erkennbar sein.

Nun bleibt zu hoffen, dass ein so stimmiges Programm viele Zuhörer erreicht. Das KKL muss voll sein, wenn wir nicht in rote Zahlen rutschen wollen. Das ist ja immer wieder ein Kraftakt, an welchem so viele mitarbeiten, allen voran unser Idealisten aus dem Vorstand und andere Zugewandte. Möge ihnen die Mühe gelohnt werden.

Franz Schaffner

 

Programm-Strategien und September-Konzert

Im letzten Bulletin habe ich einen Einblick zu geben versucht, wie Jahresprogramme entstehen können. Der Weg von Iden Ideen zum Gärungsprozess bis zu den Details, den Verfeinerungen zum Resultat. Gewisse Strategien und Prinzipien inhaltlicher Art legte ich offen. Neben neuen, teilweise unbekannten oder kaum gehörten Werken ist immer wieder die Pflege des Repertoires ein Wegweiser bei der Programmierung.

So ist es auch mit den beiden Kantaten BWV 29 „Wir danken dir“ (im kommenden September auf dem Programm) und mit BWV 191 „Gloria in excelsis Deo“ (im Dezember). Einige Jahre liegen zurück seit deren Aufführung. Dass nun diese wunderbaren Kantaten wieder den Weg in unsere Programme finden, hat neben der Repertoirepflege auch einen tatsächlichen strategischen Hintergrund: Der Chorsatz (Nr. 2) ist dieselbe Musik, welche in zwei Sätzen, nämlich „Gratias agimus“ und „Dona nobis“ der h-Moll Messe. Und dieses Grosswerk beschäftigt uns ja 2017, diesmal aufgeteilt auf zwei Konzerte im Juni und September.

Etwas Pragmatismus kann auch bei Programmen mitbestimmend sein: Als Ausführende hat man einiges von der Musik schon „vorgelernt“. Und nicht nur dies: Dadurch entstehen musikalische Verbindungen und Zusammenhänge zwischen zwei Jahren; …“oh, diese Musik habe ich doch irgendwie vor kurzem hier gehört…“

Genauso verhält es sich mit „Gloria in excelsis Deo“. Bach hat diese Kantate BWV 191 gleich mit zwei Sätzen in die h-Moll Messe übernommen. Wunderbar für uns, hoffentlich auch für die Zuhörer.

Schliesslich noch ein paar Gedanken zur Kantate „Wir danken dir“. Sie wurde 1731 zur Ratswahl in einem feierlichen Gottesdienst musiziert. Passend zu diesem Anlass sind Zitate aus Psalmtexten zu Themen wie Zuversicht, Gerechtigkeit und Frieden.

Mit einem Geniestreich Bachs eröffnet die Sinfonia diese Kantate. Die Vorlage zu dieser Musik gibt das Praeludium aus der Partita E-Dur BWV 1006 für Violine solo (Dan Dodds hat diesen Satz im März als fulminante Zugabe gespielt). Aus dieser Musik für Solovioline form nun Bach einen grossbesetzten Orchestersatz mit drei Trompeten, Pauken, zwei Oboen und Streichern. Die Stimme der Solovioline wird der konzertierenden Orgel übertragen.

Bach spürte in den Jahren 1726 bis 1731 immer wieder Experimentierlust, bei Kantatensätzen der Orgel eine solistische Rolle zu geben (Händel hat dies wenig später auch mit seinen zahlreichen Orgelkonzerten getan). Welche Bereicherung !

Franz Schaffner

 

Christus, der ist mein Leben BWV 95 – Eine Bach-Kantate mit vielen Besonderheiten

Ich beschränke mich diesmal auf die Bach-Kantate weil sie sich mit Besonderem präsentiert, und lasse Vivaldis Musik für sich sprechen.

Noch nie habe ich von den über 150 aufgeführten Kantaten eine vergleichbare angetroffen! Mein Staunen über die Vielfalt des Kantatenschaffens Bach versiegt nie.

Also der Reihe nach:

Der 1. Satz der Kantate beinhaltet alles in einem Satz, was für eine ganze Kantate vorgesehen ist: Choral, Tanz, Rezitativ, Arioso und eine Menge an Symbolen. Der erste Teil ist tänzerisch im Orchester, heitere Atmosphäre verbreitend. In diese Musik setzt die erste Choralzeile ein, „Christus, der ist mein Leben“.

Nun kommt die erste Überraschung: den folgenden Text („Sterben“) will Bach im Piano und er lässt die Musik mit einer Fermate anhalten. Dann im Forte folgt „ist mein Gewinn“.

Solche dynamischen Angaben sind bei Bach selten. Dies alles ist sein ganz persönliches Bekenntnis, das sich im Verlaufe des Werkes noch verdichten wird. Die Zahlen 7 und 10 spielen eine wichtige Rolle in diesem Satz: fast alle Choreinsätze haben pro Stimme 7 oder 10 Noten zu singen. 7 ist eine „heilige Zahl“, 10 steht für die Gebote, für die Gesetzlichkeit.

Nach diesem ersten Teil folgt ein solistischer. Auch dies ist eine Extravaganz. Der Tenor besingt wie in einer ausgelassenen Arie die Freud, von dieser Welt zu gehen. Dann mündet diese Bruchstückarie in ein Accompagnato-Rezitativ, worin darüber nachgedacht wird, sich endlich dem Sterben hinzugeben – immer wieder unterbrochen durch einen Takt des Tanzmotivs.

Nun geht die Musik über in den dritten und letzten des Eingangssatzes. Da kommt ein 2. Kirchenlied in Spiel: „Mit Fried und Freud fahr ich dahin“. Auch hier ist wieder eine Besonderheit: „Sanft und stille“ ist wie im ersten Choral mit piano und anhalten verlangt. Nicht nur illustrativ, sondern eben bekenntnishaft ist diese Musik, wahrlich ein Unikat eines Satzes, der so viel an Aussagen vereint wie nur vorstellbar.

Das nun folgende Rezitativ und der Choral (Sätze 2 und 3) sind nahtlos aneinander gefügt und kommen wie ein einziger Satz daher. Im vom Sopran gesungenen Choral heisst die 1. Zeile „Valet will ich dir geben, du arge, falsche Welt“. Das ist nun bereits das 3. Lied innerhalb dieser Kantate. Wenn man die Buchstaben dieser 1. Zeile gemäss Zahlenalphabet (a = 1, b = 2 usw.) summiert, ergibt das 366. Genauso viele Töne singen die Solostimme und das Soloinstrument zusammen. Dass ein Wille zu solcher Absicht vorliegt, dürfte auch der gestrenge Aufbau dieses Chorals bestätigen: Die Singstimme hat immer 7 Takte zu singen, den Zwischenspielen sind jeweils 5 Takte einberaumt.

Der 5. Satz als Arie „Schlage doch bald, selige Stunde“ rückt sich wohl aus stimmungsgeladenen Gründen ins Zentrum der Kantate. Sie ist mit 187 Takten ausnehmend lang – himmlische Länge möchte man sagen. Absolute Besonderheit ist sicher das durchgehende gezupfte Spiel der Streicher, musikalisches Abbild der Sterbeglocken und –glöcklein.

Über Bachs Absicht, hier auch Symbolisch-Spielerisches einfliessen zu lassen, kann man beim Partiturlesen kaum hinwegschauen: Er bildet notenmässig die Zeit ab (24 und 12) und unterschreibt mit „J. S. Bach“. Das macht er so: im Vorspiel der Oboen zählt man 24 Töne (= 24 Stunden des Tages), und dies 12 Mal (=12 Monate) im Satz. Die gezupften Sechzehntelnoten der ersten Violinen machen viele Male 41 Noten aus, was im Zahlenalphabet zusammengezählt „J. S. Bach“ ergibt.

Wie so oft beschliesst Bach seine Kantate mit einem Choral (Satz 7). Hier erscheint das vierte Lied, welches in dieser Kantate verarbeitet wird. Zwar ist es ein schlichter vierstimmiger Choral, kunstvoll auf den Text abgestimmt. Nun kommt aber noch – und dies ist nicht so selten bei Bach – eine weitere Stimme dazu. Sie erhebt sich über alle andern Stimmen mit den ersten Violinen und malt so ein Bild der Sehnsucht nach Überirdischem, Himmlischem.

Franz Schaffner

 

 

Vivaldi, Bach und Dodds

VIVALDI, BACH UND DODDS
Daniel Dodds unser Solist, wir gehen zusammen durch das Jahr. Wir spielen die „vier Jahreszeiten“ saisongerecht. Also Frühling im Früh- lingskonzert, Sommer im Sommerkonzert ctc. Ein excellenter Violinist, gefragt hier und überall, spielt sich mit uns durch die Jahreszeiten.
Natürlich jene bekannten Konzerte von Vivaldi, dazu auch noch andere Violinkonzerte aus dem Zyklus
«La Stravaganza». Auf diese Reise durch das Jahr freuen wir uns alle, er sich auch. Ein inspirierender, hochkarätiger Künstler ist uns ein willkommener Gast. Ihre Lust, bei unseren Konzerten dabei zu sein, beflügelt den Solisten und das ganze Bach Ensemble, und so freuen wir uns, wenn Sie mit uns diese schönen Konzerte teilen.

Franz Schaffner