Archiv der Kategorie: Stimmen aus dem Chor

Die Schönheit des Nonverbalen

Gastbeitrag von Chorsängerin Greet Roger:

Seit 7 Jahren wohnen mein Mann und ich in der Schweiz und seit 3 Jahren bin ich ein stolzes Mitglied des Chores des Bachensemble Luzern. Meine ehemaligen Chorkollegen in Belgien werden sehr eifersüchtig, wenn ich ihnen sage, dass wir pro Jahr 4 Konzerte mit dem Chor geben, zusammen mit einem ausgezeichneten Orchester und hervorragenden Solisten.

“Aber wie um Himmels Willen machen sie das?” fragen sie, weil sie wissen, wieviel Aufwand und Energie das bedeutet für alle Beteiligten. Und dann erzähle ich natürlich von Franz, von seiner Entourage und von der straffen Organisation jeder Probe und jedes Konzerts. Es ist alles Schweizer Qualität!

Und weiter rede ich dann über das technische Niveau der Gruppe. Meine belgischen Chorkollegen kennen die extreme technische Schwierigkeit, Bach zu singen. Ich versuche ihnen zu erklären, dass es beim Bachensemble eine so große Erfahrung in der Gruppe gibt, dass man sich sozusagen in den Strom treiben lassen kann und “automatisch” mit der richtigen Technik im richtigen Stil mitsingen kann. Bei dieser Gruppe sind nur sehr wenige Wörter nötig, um zu erklären, wie man richtig singt und die Leichtigkeit, mit der der Chor Bach atmet, ist definitiv ein Faktor für seinen Erfolg.

Auf der anderen Seite ist es etwas schwieriger, die künstlerische Qualität der Gruppe als Erfolgsfaktor zu erklären, denn hier betreten wir noch mehr den Bereich des Nonverbalen. Natürlich unterhält sich Franz während der Proben mit uns über den Inhalt der Werke, aber genau hier passiert die Magie! Das Bachensemble beherrscht als Gruppe die Kunst, die tiefen und komplexen Emotionen in Bachs Werk zu verstehen und zu vermitteln, ohne dass dafür viel darüber geredet werden muss. Dies ist der emotional reifste Chor, den ich bisher in der Schweiz gehört habe. Mein tiefster Respekt gilt Franz dafür, dass er dies ermöglicht.

Auf persönlicher Ebene ist die Gruppe freundlich und offen und schafft eine positive Atmosphäre, die wir hoffentlich auch während unserer Konzerte vermitteln. Und das bringt mich zum letzten kritischen Erfolgsfaktor – dem Publikum. “Wie findet man ein Publikum für 5 Bachensemble-Konzerte pro Jahr?” ist eine Frage, die ich oft bekomme. Ja, wir haben dieses Publikum gefunden und arbeiten sehr hart daran, es zu behalten. Ich glaube, unser Publikum kommt zu unseren Konzerten, bereit, sein Herz für dasjenige zu öffnen, was Bach zu bieten hat. Als Empfänger ist das Publikum Teil dieser nonverbalen Übertragung von Emotionen und es gibt uns viel zurück, was zu Konzerten führt, die immer besser sind als die beste Probe.

Während unseres nächsten Konzerts wünsche ich mir, dass das Publikum die Hoffnung spüren wird, die nach dem Erkennen der Verzweiflung (Aus der Tiefen) entstehen kann. Nein, darüber haben wir im Chor nicht gesprochen, aber ich verspreche Ihnen, dass Sie es mit jedem Atemzug hören können.

Greet Roger

Weihnachtsoratorium – mein persönliches Schlussbouquet

Ein Gastbeitrag von Chorsängerin Irene Bucheli-Zemp

Singen bedeutet für mich Lebenselixier. Im Bachensemble zu singen erfüllt mich mit grosser Freude und Zufriedenheit. Ganz besonders dieses Jahr mit den grossen Werken von J.S. Bach war für mich wie ein Geschenk zum Abschluss meines intensiven Chorlebens, denn Bach singe ich am liebsten.

Proben auf so hohem Niveau macht einfach Spass, denn alle haben langjährige Erfahrung, kennen das Werk schon ziemlich gut, sodass eher selten Töne „geochst“ werden müssen, sondern gleich von der ersten Probe an gestaltet, musikalisch gefeilt und einfach musiziert wird. Das gefällt mir. Ich erarbeite das Werk lieber allein zuhause am Klavier und geniesse dann die Probenarbeit, die von Franz ganzheitlich didaktisch gut gestaltet und professionell geleitet wird.

Natürlich sind mir auch andere Komponisten lieb, besonders Händel, Brahms, Mozart, Mendeslsohn, Schubert und Rheinberger.

Aber Johann Sebastian Bach war bereits zur Schulzeit mein Lieblings-Komponist.

Das Weihnachtsoratorium lernte ich auch schon als Kind kennen. Meine Klavierlehrerin wohnte im obersten Stock unseres Hauses und hatte einen Plattenspieler. Am Wochenende wenn sie nicht da war, durfte ich allein für mich dieses beeindruckende Werk hören und war einfach nur glücklich dabei.

Im neunten Schuljahr hielt ich einen Vortrag über J.S. Bach, was mich diesem wunderbaren Komponisten noch näher brachte. Und mit meinem Sackgeld kaufte ich auf dem Flohmarkt in Lugano die allererste kleine Platte: aus der Matthäuspassion „Mache dich mein Herze rein.“ Weil ich nur diese einzige Platte besass, hörte ich sie halt immer und immer wieder, was nun zur Folge hat, dass ich bei dieser Musik heute noch erinnert werde an Lugano und an das Buch, das ich damals las, während ich diese Arie hörte.

Manche Frauen wechseln in späteren Jahren vom Sopran in den Alt. Bei mir war es umgekehrt. Im Kinderchor musste ich 2. oder 3. Stimme also sehr tief singen. Das tiefe Singen wurde mir zur Gewohnheit und ich bekam immer mehr Angst vor den hohen Tönen. Aber ich merkte dann irgendwann, dass dies nicht wirklich meine Stimme ist. Ich konnte nicht laut singen, höchstens auf Kosten der Qualität. Ich wurde schnell heiser, weil ich nicht gelernt hatte, wo man die Kraft herholen kann ohne Druck in der Kehle.

Erst als ich meine Ausbildung zur Stimmtherapeutin (AAP, FE, NFR) machte, entdeckte ich die für mich damals neue Welt der Körperarbeit.

Ich nahm fortan regelmässig Gesangstunden, was eine stetige Stimmentwicklung mit mehr Resonanz und Leichtigkeit in der Höhe zur Folge hatte. Dadurch fühlte ich mich in der Lage, beim Bachensemble im ersten Sopran mitzusingen. Was für ein Geschenk für mich!

Das Singen auf hohem Niveau ist für mich stets auch berufliche Weiterbildung. Ich brauche für meine Stimmkurse eine starke Sprech- und Singstimme. Durch meine Kurstätigkeit als AAP-Stimmtrainerin und FE-Körpertherapeutin erlebe ich viele Menschen, die Angst haben, ihre Stimme zu zeigen. Sie haben erlebt, in der Schule beim Singen nicht zu genügen oder ihre Sprechstimme wurde bemängelt aufgrund einer schlechten Atemtechnik. Einigen hat es sogar buchstäblich die Stimme verschlagen, wenn die psychische Belastung am Arbeitsplatz oder in der Familie zu gross wurde. (Burnout) In diesem Rahmen erleben zu dürfen, wie Menschen wieder Mut bekommen und sich getrauen, für sich selber einzustehen, mit ihrer eigenen Stimme sich zu zeigen, das bedeutet für mich etwas Kostbares und Grossartiges. Stimme ist eben mehr als Sprechen und Singen.

Was passiert konkret körperlich, wenn man singt?

Das Belohnungssystem im Gehirn springt an, wie beim Lachen oder Verliebt-sein, das haben Hirnforscher herausgefunden – und es ist dem Gehirn nicht möglich, beide Zentren, jenes für Belohnung und das Angstzentrum, gleichzeitig zu aktivieren. Die Bereiche schliessen einander aus. Sobald also das Belohnungssystem angeht wie z. B. beim Singen, nicht sofort, aber nach einer Weile-, empfindet man keine Angst mehr.

In vielen Chören habe ich gesungen und viele Dirigenten erlebt. Was ich bei Franz Schaffner besonders schätze ist seine bescheidene und zutiefst menschliche Art der Kommunikation beim Proben. Korrekturen werden von ihm aufbauend, bestärkend, wohlwollend und taktvoll angebracht, nie verletzend.

Er versteht es ganz besonders, unsere Leistung bei der Aufführung noch massiv zu steigern, sodass wir über uns hinauswachsen können, weil wir angesteckt werden von seiner Begeisterung. Ich danke dir, Franz!

Dass ich nun das Bachensemble als aktive Sängerin nach 10 Jahren loslasse fällt mir nicht so leicht, aber ich spüre, dass es der richtige Zeitpunkt ist, gerade jetzt mit dem Weihnachtsoratorium.

Ich möchte jüngeren Stimmen Platz machen und bin bestimmt als begeisterte und neugierige Zuhörerin fortan gerne im Konzertraum anwesend.

Singen werde ich auch noch weiterhin, insbesondere mit meinen  Enkelkindern, mit meiner Nachbarin, die mich am Klavier begleitet, in den Duett-weekends und hie und da bei einem kleineren Chorprojekt. Ich lasse es auf mich zukommen.

Vorerst aber freue ich mich noch auf ein paar intensive Proben und dann auf ein unvergessliches Abschlusskonzert mit dem Weihnachtsoratorium von J.S.Bach im KKL.

Irene Bucheli-Zemp

 

 

 

 

 

Vom Paukenspieler zum Chorsänger

Gastbeitrag von Chorsänger Marcel Oppliger

Es war eine gute Entscheidung, mich während der letzten Jahre meiner Unterrichtstätigkeit als Schlagzeuglehrer (Klassisches Schlagzeug) mit der Stimme auseinanderzusetzen. Um meinen Ansprüchen gerecht zu werden, nahm ich Gesangstunden, ohne das Ziel haben, in einem Chor zu singen. Gleichzeitig übergab ich meine Barockpauken dem Bach Ensemble, habe die Barockschlägel beiseitegelegt und mich vom Muszieren in diversen Orchestern zurückgezogen. Die wenigen Auftritte jährlich wurden für mich eher zu einer Belastung.

J.S. Bach war mit dem Pauker zwar «gnädig». Er schrieb meist nur zwei Töne (D und A) und setzte diese erst noch sparsam ein. Mir war es manchmal fast ein wenig peinlich, wenn wir (Pauken und Trompeten) den grossen Applaus entgegennehmen durften, hatten doch eher die Trompeter die Glanzleistung vollbracht.

Wobei, so einfach war es mit den Ziegenfellen bespannten Pauken dann doch nicht. Da gab es ab und zu schon kleine «Kämpfe», bis die beiden «Ziegen» bereit waren, sich schlagen zu lassen. Naturfelle sind wegen der Luftfeuchtigkeits- und Temperaturunterscheide sehr empfindlich. Da können die Kirchenfenster bei Sonneneinstrahlung noch so farbig leuchten, wenn die eine Pauke bestrahlt wurde und die andere im Schatten stand, war die Stimmung bei mir und bei den Pauken nicht optimal.

In den meisten Bach-Kantanten steht in den Pauken-Noten ohnehin viel «tacet», was mir Zeit gab, dem Orchester und natürlich den Solisten aufmerksam zuzuhören. Das führte mich noch näher an diese Musik heran, ohne tiefer auf die vielen — oft versteckten — Aussagen im Notentext einzugehen. Franz Schaffner weist ja in den Proben immer gut dosiert auf die Bach’schen Geheimnisse hin.

Nach drei Jahren kenne ich das Innenleben des Bach-Chors. Wegen der Choraufstellung bei den Konzerten bin ich ja eigentlich vom Pauker zum Bass-Sänger aufgestiegen! Nein, es war kein Aufstieg, mehr ein Einstieg. Neben den vielen Sängern/-innen mit jahrelanger Erfahrung, musste ich richtig «Gas geben». Das ist eine ganz andere Welt, als die eines Orchesterschlagzeugers. Wenn ein Kollege sagt, ich hätte doch rhythmische Vorteile, mag das stimmen, löst bei mir aber lediglich ein leichtes Schmunzeln aus. Da sind für mich andere Hürden, die es zu bewältigen gilt.

Nach vier bis fünf Proben stehen die Tutti-Proben auf dem Programm. Diese empfinde ich umso entspannter, je präsenter der Chor und das Orchester ist und je weniger Elementares geübt werden muss. Zuoberst auf dem Chorpodest habe ich natürlich eine gute Übersicht und kann das Orchester und die Solisten sehr genau beobachten. Da ich selber eine Dirigierausbildung genossen habe, interessieren mich natürlich auch vor allem die Dirigenten. Der Fokus ist deshalb auf sie gerichtet. Aber bei Franz Schaffner ist das nicht nötig, habe ich doch 25 Jahre unter ihm gespielt. Es ist mehr eine Bestätigung: Sein Dirigat ist exzellent, alles eben im Sinn einer Bach-Partitur. Mich stören Dirigenten, die Bach wie eine romantische Sinfonie dirigieren. So entsteht dann ein eindrückliches Konzert wie die Johannes-Passion. Von meinem Standort konnte ich die Begeisterung im Zuhörerraum besonders gut wahrnehmen.

Ist J.S. Bach mein Lieblingskomponist? Nein, es gibt so viele Komponisten, die gute Musik verschiedenster Gattungen geschrieben haben. So gefallen mir z.B. Scarlatti-Sonaten, Rameau-Suiten (vor allem die mit Angela Hewitt). Ein schöner Gegensatz sind dann die Wesendonck-Lieder von Richard Wagner (gesungen von Anne Sofie von Otter). Darin stecken viele tiefe Emotionen.

J.S.Bach nimmt einen wichtigen Platz ein und seit ich mitsinge ist klar, dass ich mich noch mehr mit seiner Musik befasse. Aber für mich gibt es noch andere grosse Meister: z.B. ist da Anton Bruckner. Und ja, da gibt es noch ein «B», aber nicht Bee…, sondern Bra…

Marcel Oppliger

 

Chorsängerin Verena Lorenz: Singfreuden im Bach Ensemble Luzern

Das „Bachjahr“ fängt bei mir an mit dem Studieren des Jahresprogrammes. Damit beginnt die Vorfreude auf kommendes Musizieren. Sobald ich die Notenhefte habe, „schneugge“ ich darin und freue mich auf das Wieder-Singen und auf das Entdecken von Neuem.

Diesmal ist es einmal ein Neu-Entdecken und einmal ein Wieder-Singen. Die Kantate BWV 105 kenne ich noch nicht und ich bin gespannt, wie sie tönt. Die Aufnahme, die ich auf youtube gehört habe, tönt vielversprechend.

Ich höre mir die Kantate BWV 147 nach langer Zeit wieder an und bin sogleich wieder „drin“. Im Juni 1987 und im Juni 1997 haben wir „Herz und Mund und Tat und Leben“ aufgeführt.

Die Vorfreude steigt mit den Proben. Ich bin immer wieder gespannt auf das erste Zusammentönen aller Stimmen und bin immer erstaunt, wie gut es schon klingt. Die Arbeit beginnt natürlich jetzt erst richtig und Franz schafft es stets, das Bestmögliche aus uns heraus zu holen.

Die Vorfreude wird zur grossen Freude am Konzerttag. Diesmal höre ich schon das imaginäre Raunen das durch die Zuhörerreihen geht, wenn „Jesus bleibet meine Freude“ erklingt.

Die Tage nach dem Konzert sind ein freudiges Nachklingen mit den Melodien, die noch einige Zeit im Ohr bleiben, mit Kommentaren vom Konzertpublikum und auch mit einem wohlwollenden Zeitungsbericht, der mir Freude macht.

Verena Lorenz