Archiv der Kategorie: Die Solisten über das Bach Ensemble Luzern

Bachs Zauberwald

Gastbeitrag unserer Solistin Susanne Andres:

Meine erste aktive Begegnung mit J.S. Bach hatte ich, wie viele andere, durch das Weihnachtsoratorium. Als Teenager sang ich im Gesangsunterricht zuerst „Schliesse, mein Herze“ und etwas später „Quia respexit“ aus dem Magnificat. Zu dieser Zeit war singen ein Hobby. Gesungen wurde, was gefiel und wenn es mühsam wurde in der Höhe, gefiel es zwar immer noch, aber wurde auf der Prioritätenliste etwas nach hinten gerückt.

Was Bach mit mir als Solistin aber schon immer machte und mich von Anfang an faszinierte, war, dass er mich die Zeit vergessen liess. Da wird ein einzelner Satz wie durch einen Kristall in hundert verschiedene Farben getaucht. Es bleibt kaum Zeit zum Atmen, schon gilt es, wieder eine neue Facette zu finden, um Bachs neuem musikalischem Einfall gerecht zu werden. Dies macht Bachs Arien zu einer Herausforderung: Kann ich als Solistin dem Komponisten gerecht werden, der mir in seiner mathematischen Klarheit so viel Platz für Kreativität lässt? Doch wenn ich mich mit den einzelnen Phrasen beginne zu beschäftigen, wird mir jedes Mal wieder bewusst, wie Bach seine schützende Hand über mich hält und mir das musikalische Geleit anbietet, das ich brauche.

Auch als Chorsängerin war das Weihnachtsoratorium mein erster Kontakt mit Bach. Das erste Mal fühlte ich mich als Altistin den anderen Stimmregistern ebenbürtig. Er schafft es auf grossartige Weise, alle Stimmen immer wieder mit sanglichen Melodien oder virtuosen Koloraturen hervortreten zu lassen. Bach schrieb keine Musik, die man zusammen mit der Aufnahme und den Noten zuhause blattsingt. Viel mehr verlangen diverse Modulationen und künstlerische Verzierungen Geduld und musikalisches Verständnis. Aber nach einer Weile lichtet sich zuverlässig das Dickicht und ich überblicke den Zauberwald. Bach ist für mich der Beweis dafür, dass Logik und Mathematik ästhetisch ist, auch wenn es oft seine Zeit braucht, bis ich die Ästhetik in dieser Komplexität verstehe. Jedes Mal finde ich es faszinierend, wie gut Gehirn und Musik zusammenarbeiten. Grosse Stücke, welche anfangs „unmachbar“ scheinen, lichten plötzlich ihren Schleier und werden in dem Masse logisch, dass man sie nie mehr anders singen könnte und sie nie mehr vergisst.

Ich freue mich sehr mit dem Bach Ensemble unter der Leitung von Franz Schaffner mit einem Ensemble singen zu dürfen, welches grosse Erfahrung in der Interpretation von Bachs Werk hat. Ich bin sicher, dass sie mir in diesem Zauberwald noch einige unbekannte Orte zeigen werden, welche mich zu neuen Farbfacetten inspirieren und so noch näher zu Bachs Musik führen. Vielen Dank für diese Möglichkeit.

Susanne Andres

Auftritt mit Bach Ensemble: Ein Traum wird wahr

Schon als kleiner Junge durfte ich mit der Knabenkantorei Basel das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach singen. Ein Erlebnis, welches mich bis heute prägt und in mir die Liebe zur klassischen Musik entfacht hat. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit meiner hohen Sopranstimme inbrünstig den Eingangschor «Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage» mitgesungen habe und ergriffen war von der Kraft, welche diese Musik besitzt. Das Zusammenspiel der Instrumentalisten, die Verflechtung der Musik mit dem Text und die Solisten, all das bescherte mir eine Gänsehaut. 

Diese Faszination ist bis heute geblieben und es bedeutet mir jedes Mal viel, wenn ich als Solist ein Werk von Bach interpretieren darf. 

Und dennoch war die Liebe zu Bachs Musik für mich anfangs ein zweischneidiges Schwert. Einerseits berührten mich seine Werke sehr, andererseits hatte ich lange Mühe, mit meiner Stimme dieser fantastischen Musik gerecht zu werden. Es war für mich äusserst frustrierend, genau zu wissen, wie ich etwas interpretieren möchte, jedoch musikalisch nicht in der Lage zu sein, dies richtig umsetzen zu können. Deshalb habe ich mich lange gescheut seine Musik zu singen, obgleich ich unbedingt einmal die Matthäuspassion singen wollte. Doch was lange währt, wird ja bekanntlich gut und so habe ich Schritt für Schritt meinen Weg gefunden, um auch sängerisch diese wunderbare Musik geniessen zu können. 

Ein nicht unwesentliches Mosaiksteinchen auf diesem Weg stellte Franz Schaffner dar, welcher mir meine Berührungsängste nahm und mich darin bestärkte, dass meine Stimme auch für Bach geeignet sei. Zwei ganze Semester durfte ich mich mit ihm zusammen dem Weihnachtsoratorium, der h-Moll-Messe und der Matthäus-Passion widmen und dabei von seinem riesigen Wissensschatz und seiner Erfahrung profitieren. Deshalb bedeutete es mir unglaublich viel, dass ich für dieses Konzert angefragt wurde.

Seit ich in Luzern studiere, verfolge ich mit grossem Interesse die Konzerte des Bach Ensembles Luzern. Ich habe immer davon geträumt, auch einmal mit diesem tollen Ensemble musizieren zu können. Dass mir dieser Traum nun gewährt wird, ist wunderschön, und ich könnte mir keinen schöneren Abschluss für meine achtjährige Studienzeit in Luzern vorstellen. 

Ich freue mich riesig auf das Konzert und möchte mich an dieser Stelle bei Franz Schaffner, für seine großartige Unterstützung bedanken, welche er uns Studenten zuteil kommen lässt. 

Eichner begrüsst den Frühling

Gastbeitrag von Harfenistin Franziska Brunner

Welche Freude, dass der zu erwartende Frühling mit dem dreisätzigen Harfenkonzert von Ernst Eichner begrüsst werden kann!

Mit dem Harfenkonzert von wem? Ja, auch Harfenliebhabern ist der Name von Ernst Eichner (1740 – 1777) oft nicht ganz geläufig, denn seine Werke wurden erst vor noch nicht allzu langer Zeit rekonstruiert, bzw. die zum Teil skizzierten Varianten zusammengeführt.

Darum lade ich Sie ein, sich als Gedankenstütze erst einmal – wortverwandt – eine grosse schöne Eiche im Frühling vorzustellen und deren frischen, kräftigen Anblick zu geniessen. Beim näheren Betrachten beginnen die Blätter zu rascheln, der Wind saust mächtig crescendierend durch die Blätter, im prächtigen Geäst nisten sich unzählige Vögelchen und Insekten ein. Vergnügte Menschen finden sich in dieser Nähe ein und lachen, singen, seufzen, tanzen. Die Szenerie wird von lieblichstem Sonnenlicht und Wärme beschienen und fesselt die Sinne.

Das Harfenkonzert in C-Dur von Ernst Eichner kann man gut mit obenstehenden Attributen beschreiben. Als Beispiel der Mannheimer Schule sucht die Komposition die Leichtigkeit und Klarheit der Vorklassik, welche als «Hinhörmusik» zweckfrei ganz sich selbst genügt. Der erste Satz mit seinen so vielen Motiven, der liedhafte zweite Andante-Satz und das Menuett zum Schluss, das alles reiht sich ein zwischen der Wurzel der stabilen Harmonie und der arpeggio-artigen Baumkrone.

Das Werk wurde geschrieben, als vor allem am französischen Hof auch Frauen begannen, Harfe zu spielen. Für die Harfe war diese Mode ein bedeutender Schritt in die Welt der Kunst als eigenständiges Musikinstrument. Ich frage mich, ob Mozart das C-Dur-Konzert von Ernst Eichner kannte, als er sein Konzert für Flöte und Harfe im Jahr 1778 in Paris für Damen des Hofes komponierte. Hat doch auch Ernst Eichner zeitweise in Paris gelebt. Den Vergleich können Sie gerne angehen, wenn das Mozart-Konzert im Dezember im KKL mit dem Bach-Ensemble aufgeführt wird.

Das Harfenjahr des Bach-Ensembles beginnt nun in der Franziskanerkirche. Das Konzert in diesem Raum bedeutet mir unendlich viel, durfte ich mit Franz Schaffner an der Orgel doch diese Kirche zu Weihnachten schon oft in ihrer mystischen Dunkelheit mit Klängen füllen. Nun ist das Jahr schon lichterfüllt und ich hoffe, dass die Musik die ersehnte Wärme zu verbreiten vermag.

Die so grosszügige Geste von Seiten des Bach-Ensembles, während dem ganzen Jahr der Harfe so viel Raum zu geben, ist einmalig und von grosser Austrahlung und ich möchte mich dafür von Herzen – cordialement – bedanken!

“Nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen!”

Gastbeitrag von Bariton Wolf Latzel

“Nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen!” So schrieb einst der große Beethoven mit höchster Bewunderung über Johann Sebastian Bach.

Welch unerschöpflicher Reichtum steckt in dieser Musik, welche Tiefe und Intensität in den kirchlichen und weltlichen Kompositionen. Seine Musik fließt stets, ist nie unbeweglich. Sie breitet sich unendlich aus, ist in ihren Dimensionen unerforschlich wie das Meer.

In Ostdeutschland in der Nähe von Leipzig geboren und aufgewachsen habe ich natürlich eine besondere Verbindung mit dem bachsche Œuvre. Jeder Musiker, der hier aufwächst, saugt seinen Geist sozusagen bereits mit der Muttermilch auf.
Hier war Bach 27 Jahre lang Kantor der Thomaskirche, und hier schuf er einige seiner größten Meisterwerke. Diese Präsenz ist auch heute noch immer deutlich spürbar.

Schon während meines Studiums hatte ich das Vergnügen, sonntagmorgens in den Gottesdiensten seine Kantaten mitgestalten zu dürfen.

Diese enge Verbindung ist bis heute geblieben, und so ist Bach ein fester Bestandteil meines Repertoires. Auch wenn ich natürlich viele andere Komponisten sehr schätze, zu Bach kehre ich immer wieder voller Freude zurück. Um bei dem Bild vom Anfang zu bleiben: Es ist, als würde man in ein Meer schauen: Es ist so klar, dass man meint, bis auf den Grund sehen zu können. Doch es wird immer tiefer und tiefer, je mehr man sich damit beschäftigt.
Bach ist ein Wunder, seit 269 Jahren tot, ist er heute so lebendig wie nie.

Beim Luzerner Bachensemble wird sein Schaffen seit Jahrzehnten auf ganz besondere Weise gepflegt. Und es ist mir immer wieder eine große Freude, mit diesen hochmusikalischen und leidenschaftlichen Sängerinnen und Sängern sowie dem feinfühligen Orchester gemeinsam musizieren zu dürfen.
Mit Franz Schaffner entstehen dabei, scheinbar wie von selber, ganz wundervolle künstlerische Momente. Völlig unaufgeregt stellt er sich dabei in den Dienst der Kunst und erspürt die Essenz der Werke. So gedeiht Großartiges.

Bach unterschrieb viele seiner Briefe mit den Worten: „ganz gehorsamst-ergebenster Diener“.
Seien wir heute ihm ergeben und bringen seine Musik voller Dankbarkeit und Freude zum Klingen.

Musik verzaubert die Weihnachtszeit

Gastbeitrag der Sopranistin Maria C. Schmid

Jedes Jahr bin ich fasziniert, was die Weihnachtszeit mit uns Menschen macht. Musik ist plötzlich in Geschäften, bei Strassenmusikanten und auf dem Konzertparkett in ähnlicher Art präsent. Es findet sich Platz für Geschichten und Bilder von Engeln, ursprünglichen, religiösen Ritualen. Wünsche und Taten, die über das Privatinteresse hinausgehen bekommen Raum und werden umgesetzt. Es ist eine Zeit, die viele Chancen in sich trägt, die durchaus ihren Schweif auch ins neue Jahr tragen lassen dürfte.

Sie kommen noch immer durch den aufgebrochenen Himmel, die friedlichen Schwingen ausgebreitet, und ihre himmlische Musik schwebt über der ganzen müden Welt…William Shakespeare

Viele Menschen erlauben sich in diesen Tagen Gedanken zu machen, was die Essenz des Lebens sein könnte.

Als Musikerin fallen Weihnachtskonzerte oft aus dem normalen Rahmen innerhalb des Konzertlebens. Dies hat verschiedene Gründe. Zum einen wiederholen sich Programme, zum andern erlebe ich ein anderes Publikum. Ich spüre die besondere Atmosphäre, wenn im Publikum mehr Menschen sitzen, die sich ausschliesslich in dieser Zeit klassischer Musik annähern. Es schenkt spezielle Freude zu merken, wie sich Menschen sehr bewusst ein solches Konzert leisten, um dem Vorweihnachtsstress zu entfliehen, eine Zäsur im Alltäglichen einzuschalten und sich für einmal mit Kultur ablenkenwollen  – Kultur, die es durch ihre Ablenkung schafftzuzulenken,hinzu Ruhe und Achtsamkeit.

Ich freue mich sehr, dass mir im diesjährigen Weihnachtskonzert des Bach Ensembles Luzern die Partie der Sopransolistin anvertraut ist. Das Programm war mir schon Seelenwärmer, bevor ich mich mit den Tönen vertraut gemacht habe.

Wenn keine Musik mehr da wäre, wenn ich nur ein einziges Musikstück mit mir im Kopf tragen dürfte….so würde ich ein Stück von Bach auswählen. Wahrscheinlich wäre es eine seiner Suiten für Cello – Solo….Bachs Musik schenkt mir Geborgenheit, Verlässlichkeit, zaubert ein Stück Ewigkeit in zeitliche Begrenzung, verleidet mir nie. Vater Bach hat einen besonderen Klangfaden gesponnen und von seiner Fähigkeit seinen Söhnen weitergegeben. So schätze ich mich glücklich ein Wunderwerk seines Sohnes Carl Philipp Emanuels mit interpretieren zu können.

Dazu ein Cellokonzert von Joseph Haydn – wie schön! Es erinnert mich so sehr an Festtage bei uns zuhause. Als Kind gehörte es zu unserem Familiensonntag, dass meine Eltern eine klassische Schallplatte auflegten. J. Haydns Cellokonzert in C-dur, Hob VIIb:1 wurde oft gespielt…bestimmt auch einmal zu Weihnachten. Die Klänge sind mir so vertraut und wecken entsprechend schöne Gefühle, Düfte, kostbare Erinnerungen. Haydns Violinkonzert in G-Dur, Hob. VIIa wurde mir als Teenagerin zum erstrebenswerten Stück, das ich auf der Geige spielen können wollte. Wenn ich heute nur noch zu Weihnachten in der Familie meine Geige hervornehme, so spiele ich immer zuerst den Anfang dieses Konzertes. Dieses hat sich mir einfach eingebrannt. Ein paar Takte gehen immer….Haydns Musik liebe ich auch als Sopranistin sehr …dachte ich mir doch im Studium, wenn ich niemals Haydns Schöpfung singen könnte, so hätte ich mein Sängerinnenleben verwirkt….Glücklicherweise zählt dieses Werk zu jenen, die ich am meisten gesungen habe.

Ich wünsche mir für dieses Konzert, dass wir Musizierende zusammen mit dem Publikum eine Sternstunde erleben können, die uns mutig macht, den guten Schweif von Weihnachten weiter zu tragen. Alles Störende könnten wir ja „kompostieren“, damit etwas Schönes daraus erwachse.

Lass den Himmel sich auf der Erde widerspiegeln, auf dass die Erde zum Himmel werden möge. Dschelai ed-Din Rumi

Maria C. Schmid

 

 

Bachs Musik als musikalischer Hafen

Gastbeitrag der Sopranistin Kathrin Hottiger

Bei meinem ersten Auftritt als Solistin mit dem Bachensemble Luzern hatte ich gerade mein erstes Semester meines Masters Performance an der Hochschule Luzern hinter mich gebracht. Dass Franz mich damals, Küken dass ich war, auf der grossen Bühne des KKL singen liess, war unbeschreiblich und wird wohl immer eine ganz besondere Erinnerung bleiben für mich. Seit dem Weihnachtskonzert 2015 sind fast drei Jahre vergangen, ich habe meine Ausbildung abgeschlossen und bin nun seit etwas mehr als einem Jahr als freiberufliche Sängerin im In- und Ausland tätig. Dass ich nun wieder als Solistin mit diesem wunderbaren Ensemble, Dirigenten und Orchester musizieren darf, ehrt und freut mich sehr! Sogar ein bekanntes Gesicht findet sich unter den anderen Solisten: mit Simon Witzig durfte ich damals ein Duett singen!

Die Musik von Johann Sebastian Bach hat für mich eine ganz besondere Bedeutung und wird für mich je länger je mehr zu einer Art musikalischem Hafen. An dieser Liebe zu Johann Sebastian Bach trägt Franz Schaffner keinen unwesentlichen Anteil. Wiederholt durfte ich während des Studiums von seinem grossen Wissen profitieren und habe immer wieder gestaunt, mit welcher Offenheit und Selbstverständlichkeit er uns ermutigt hat, eine eigenständige Interpretation zu suchen. Wieder unter ihm als Dirigenten singen zu dürfen ist deshalb eine ganz besondere Freude!

Im Laufe meiner noch jungen Karriere durfte ich bereits zahlreiche von Johann Sebastian Bachs phantastischen Kompositionen kennenlernen und interpretieren. Immer wieder werde ich von der zwar äusserst komplexen, aber für mich doch sehr unmittelbaren Musik tief im Inneren berührt und inspiriert. Oft spüre ich eine grosse Tröstlichkeit beim Hören und Singen von Bachs Musik, die aber niemals oberflächlich ist, sondern bei der alle Höhen und Tiefen des Glaubens und des Lebens mitschwingen. Die Kantate BWV 37 «Wer da gläubet und getauft wird» ist davon keine Ausnahme.

Besonders freue ich mich dabei natürlich auf den Choral «Wie schön leuchtet der Morgenstern» im Duett mit dem Alt und mit Solocello. Diesen kammermusikalischen Ansatz beim Interpretieren von Bachs Musik empfinde ich als ganz besonders reizvoll. Meine Stimme mit der des anderen Solisten und des Soloinstruments verschmelzen zu lassen, mich vom Instrumentalklang und der Phrasierung der Instrumentalisten inspirieren zu lassen, ist für mich etwas vom Schönsten und Lehrreichsten überhaupt.

Nun wünsche ich Ihnen ein beseeltes und erhebendes Konzerterlebnis, und freue mich sehr auf diese wunderbare Musik!

Kathrin Hottiger

 

Vom Bariton zum Altus und der fast vergessene Bach-Sohn

Gastbeitrag von Solo-Altus Stefan Wieland:

Ich wurde gebeten für den Blog des Bachensembles aus dem Nähkästchen zu plaudern und wer bin ich schon um mich dessen zu wehren… Also hier nun meine Gedanken zum bevorstehenden Konzert, zu Bach im Allgemeinen und auch zum Bach-Sohn Johann Christian Bach.

Im Dezember des Jahres 2012 fand ich auf der «Avenue de l’Opéra» in Paris einen CD-Laden des Labels Harmonia Mundi. Was für ein Paradies für einen Audiophilen Menschen wie mich. So viele hervorragende Aufnahmen zu sehr guten Preisen. Unter anderem kaufte ich mir die Einspielung des Requiems und des Miserere von Johann Christian Bach. Es waren zwei Werke, die ich bis dato noch nicht kannte. Selbst den Komponisten kannte ich nur dem Namen nach. Als ich wieder zu Hause war hörte ich mir die anderen CDs die ich mir gekauft hatte an und versank in ihnen. Den Bach jedoch vergass ich total. Etwa ein halbes Jahr später fand ich die Aufnahme wieder und legte sie in den Player. Da geschah es: Ich war wie gefangen. Ich war gefangen in einer eigenen Klangwelt, die mir so noch nicht begegnet war. Was für eine Kraft, was für eine Vitalität und das in sakraler Musik. Das kannte ich bisher nur von Bach-Vater und von G.F. Händel. Dieser Bach-Sohn hatte was auf dem Kasten.

Was mir besonders im Gehör hängen blieb war die Alt-Arie des Miserere. So farbig und saftig. Ich hätte mir ja nie träumen lassen, dass ich diese Arie selber einmal singen darf, denn damals studierte ich noch im Tenorfach. Der Wechsel zum Countertenor kam bei mir erst ein halbes Jahr später. Obwohl ich schon zu Beginn meines Studiums mit diesem Stimmfach geliebäugelt hatte, startete ich als Bariton und wechselte nach einem Jahr ins Tenorfach. Jeden Sommer fuhr unsere Gesangsklasse mit unserem Professor Peter Brechbühler für eine Woche nach Frankreich in ein altes Schloss. Wir lernten da in verschiedenen Duos uns mit dem Liedrepertoire auseinanderzusetzen. Und was darf in Frankreich auf keinen Fall fehlen? Natürlich der Wein. Dieser floss auch nach dem Abschlusskonzert in Strömen und veranlasste mich, eine Jodeleinlage zum Besten zu geben. Peter war sehr angetan davon und befand meine Kopfstimme für gut genug um noch eine Stimmlage in die Höhe steigen zu können. Ich wechselte also ins Counterfach. Diesen Wechsel bereue ich bis zum heutigen Tage nicht. An dieser Stelle mal ein Dankeschön an Peter Brechbühler, dass er dieses Vertrauen in mich setzte.

Wer jetzt aber denkt, dass dieser Fachwechsel so einfach vor sich ging, irrt gewaltig. Ich musste mich nämlich damit auseinandersetzen, dass ich nur noch für ein bestimmtes Repertoire angefragt werden würde. Also keine grossen romantischen Partien, sondern Barock und neue Klassik (damals dachte ich tatsächlich noch so). Was mir jedoch die Entscheidung sehr versüsste, waren die vielen wunderschönen Arien in den Bachkantaten und Oratorien. Man denke da nur an das wunderbare «Schliesse mein Herze» aus dem Weihnachtsoratorium oder «Es ist vollbracht» aus der Johannespassion. Das ist Musik die einem einfach in die Seele geht. Dafür tauschte ich gerne jede Tenorrolle in den Mozartopern ein. Ausserdem sagte ich mir: «Wer bitteschön kann mir verbieten nicht weiter Schumann, Strauss und Brahms zu singen?» Also war es beschlossene Sache. Ich wechselte zum höchsten Fach der Männerstimmen.

Inzwischen durfte ich schon mit vielen erfahrenen Ensembles auf der Konzertbühne stehen. Ein besonderes Highlight war sicherlich das Solistenkonzert mit dem Luzerner Sinfonieorchester im KKL letzten Sommer. Ein Ensemble jedoch war mir noch verwehrt geblieben. Ein Ensemble, dessen Konzerte ich fleissig mitverfolgte und bei dem ich nur zu gerne einmal selber als Solist auftreten wollte. Ich rede natürlich vom Bach Ensemble unter der Leitung von Franz Schaffner. Es war eine grosse Freude, als mich ein Mail mit der Anfrage für das Konzert mit jungen Solisten erreichte. Endlich mit diesen tollen Musikern auf der Bühne zu stehen. Was mich jedoch verwirrte, war die Repertoireauswahl. Eine Kantate von Bach, ohne Alt-Solo. Hmmm… Das andere Werk: Miserere von Johann Christian Bach. Kenne ich nicht. Ich ging also ins Internet und suchte danach. Eine Aufnahme auf Youtube brachte dann aber Erleuchtung: ich kannte es doch! Ich erinnerte mich wieder an die Aufnahme aus Paris. Ich kramte sie hervor und hörte mir das ganze Werk wieder an. Und da war sie wieder: Die wunderschöne Alt-Arie am Schluss! Wunderbar! Ich freute mich riesig. Auch wenn sie gar nicht so einfach zu singen ist. Ja… Wirklich nicht… Das erinnert mich daran, dass ich wieder üben gehen sollte. Schliesslich wollen sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer ja eine tolle Aufführung erleben können. Also viel Vergnügen mit dem Konzert der jungen Solisten. Ich freue mich! Danke!

Stefan Wieland

Wenn Werke gelebt statt dirigiert werden

Gastbeitrag des Tenors Reto Hofstetter:

Es ist für mich eine grosse Freude das Konzertjahr 2018 eröffnen zu dürfen. Seit vielen Jahren darf ich jetzt schon  mit und unter dem Dirigat von Franz Schaffner  bei den Bachkonzerten mitwirken. Wobei der Ausdruck „unter dem Dirigat“ gerade bei Franz Schaffner völlig verfehlt ist.  Zwar würde niemand aus dem Chor, dem Orchester oder von den Solistinnen und Solisten  auch nur einen Moment an seiner Kompetenz und seinem Wissen zweifeln oder seine Anweisungen in Frage stellen wollen. Trotzdem scheint es ihm ein Anliegen zu sein, niemals belehrend oder unterweisend sein zu wollen. Er dirigiert die Werke nicht, sondern er lebt sie.  Er lässt dadurch die Mitwirkenden die Musik erleben  und  die Zuhörer an seiner Passion teilhaben.

Er ist sozusagen der primus inter pares. Er wagt es sogar im Ganzen zu verschwinden, um dem einen Platz zu machen, das ihm wichtig ist: der Musik von Johann Sebastian Bach. Für Franz spielt es auch keine Rolle, ob es die intimen Bach Schemelli Lieder für Orgel und Stimme sind (meine erste Begegnung mit Franz) oder die grossen Werke wie eine Johannespassion, die gerade aufgeführt werden. Für ihn sind es alles Meisterwerke.

Als Sänger ist es eine besondere Freude mit Franz zu musizieren, da er beim Dirigieren oder an der Orgel immer versucht, den Sänger zu unterstützen.  Er hört zu, führt, lässt geschehen und geniesst die Musik eines der grössten Komponisten, die je gelebt haben.

Allerdings wird sich der Zuhörer sicher genauso  für das Requiem von Johann Christian Bach begeistern können.  Das Requiem hat es wirklich  verdient, dass man es quasi wieder ausgegraben hat.  Die Lieblichkeit dieser Musik  geht direkt ins Herz. Auch wenn die Komposition möglicherweise für ein Requiem etwas zu wenig in die emotionale Tiefe des Textes geht, wie wir es aus dem späteren Requiem von W.A. Mozart kennen.  J.C. Bach und der junge W.A. Mozart haben sich offenbar gekannt und sogar zusammen musiziert. Leopold Mozart hat die Kompositionen von J.C. Bach sehr geschätzt und seinem Sohn Wolfgang Amadeus  zum Studium empfohlen.

Reto Hofstetter

Unglaubliche Vollendung

Gastbeitrag unseres Solisten Jörg Dürmüller:

Ich stelle mich kurz vor: in Bern geboren, im Kanton St.Gallen aufgewachsen und dann in Winterthur Gesang studiert, bin ich 1982 zum Weiterstudium an die Musikhochschule Hamburg gewechselt. Meine Karriere begann in Deutschland, und ich bin erst 2010 wieder in die Schweiz zurückgekehrt.

Johann Sebastian Bach ist aus meinem Leben nicht wegzudenken. Seine Musik ist von einer so unglaublichen Vollendung, dass ich mir meinen künstlerischen Werdegang ohne diesen Komponisten nicht vorstellen könnte.

In Deutschland, das mir zu einer zweiten Heimat geworden ist, ist die Musik Bachs tief verankert. Kaum eine Kirche, die nicht jedes Jahr eine  Passion oder das Weihnachtsoratorium aufführt.

Welch unglaubliche Leistung die Sängerinnen und Sänger im Chor vollbringen, war und ist für mich bewundernswert. Meist sind es Laien, die sich nach anstrengenden Tagen im Beruf abends mit ganzem Herzen diesen Werken widmen.

Das hat mich immer sehr gerührt. Welche Liebe zur Musik, welche Liebe zu Johann Sebastian Bach! Seine Musik vereint die Menschen, die musikalischen Hürden werden genommen und das Resultat ist Freude und Ergriffenheit.

In der Schweiz ist Bach nicht auf solch tiefe Weise verankert. Umso mehr freue ich mich, wenn ich in einem Ensemble mitwirken kann, das in mir das gleiche Gefühl von Glück und Erfüllung hervorrufen kann, wie ich es so oft in Deutschland erleben durfte.

Gerade im KKL gelingt es auf hervorragende Weise, dem Zuhörer die musikalische Sprache verständlich zu machen. Dieser Saal zieht sich zurück und ist nur noch der Verstärker dessen, was auf dem Podium passiert.

Ich habe eigentlich in allen grossen Sälen dieser Welt gesungen, angefangen mit der Berliner Philharomie bis zur Carnegie Hall in New York, aber das KKL hat mich von allen Sälen am meisten beeindruckt.

Mit dem Bach Ensemble singe ich nicht das erste Mal überhaupt, aber das erste Mal Bach. Ich freue mich auf dieses Weihnachtsgeschenk!

Jörg Dürmüller