Archiv der Kategorie: Die Solisten über das Bach Ensemble Luzern

Musik verzaubert die Weihnachtszeit

Gastbeitrag der Sopranistin Maria C. Schmid

Jedes Jahr bin ich fasziniert, was die Weihnachtszeit mit uns Menschen macht. Musik ist plötzlich in Geschäften, bei Strassenmusikanten und auf dem Konzertparkett in ähnlicher Art präsent. Es findet sich Platz für Geschichten und Bilder von Engeln, ursprünglichen, religiösen Ritualen. Wünsche und Taten, die über das Privatinteresse hinausgehen bekommen Raum und werden umgesetzt. Es ist eine Zeit, die viele Chancen in sich trägt, die durchaus ihren Schweif auch ins neue Jahr tragen lassen dürfte.

Sie kommen noch immer durch den aufgebrochenen Himmel, die friedlichen Schwingen ausgebreitet, und ihre himmlische Musik schwebt über der ganzen müden Welt…William Shakespeare

Viele Menschen erlauben sich in diesen Tagen Gedanken zu machen, was die Essenz des Lebens sein könnte.

Als Musikerin fallen Weihnachtskonzerte oft aus dem normalen Rahmen innerhalb des Konzertlebens. Dies hat verschiedene Gründe. Zum einen wiederholen sich Programme, zum andern erlebe ich ein anderes Publikum. Ich spüre die besondere Atmosphäre, wenn im Publikum mehr Menschen sitzen, die sich ausschliesslich in dieser Zeit klassischer Musik annähern. Es schenkt spezielle Freude zu merken, wie sich Menschen sehr bewusst ein solches Konzert leisten, um dem Vorweihnachtsstress zu entfliehen, eine Zäsur im Alltäglichen einzuschalten und sich für einmal mit Kultur ablenkenwollen  – Kultur, die es durch ihre Ablenkung schafftzuzulenken,hinzu Ruhe und Achtsamkeit.

Ich freue mich sehr, dass mir im diesjährigen Weihnachtskonzert des Bach Ensembles Luzern die Partie der Sopransolistin anvertraut ist. Das Programm war mir schon Seelenwärmer, bevor ich mich mit den Tönen vertraut gemacht habe.

Wenn keine Musik mehr da wäre, wenn ich nur ein einziges Musikstück mit mir im Kopf tragen dürfte….so würde ich ein Stück von Bach auswählen. Wahrscheinlich wäre es eine seiner Suiten für Cello – Solo….Bachs Musik schenkt mir Geborgenheit, Verlässlichkeit, zaubert ein Stück Ewigkeit in zeitliche Begrenzung, verleidet mir nie. Vater Bach hat einen besonderen Klangfaden gesponnen und von seiner Fähigkeit seinen Söhnen weitergegeben. So schätze ich mich glücklich ein Wunderwerk seines Sohnes Carl Philipp Emanuels mit interpretieren zu können.

Dazu ein Cellokonzert von Joseph Haydn – wie schön! Es erinnert mich so sehr an Festtage bei uns zuhause. Als Kind gehörte es zu unserem Familiensonntag, dass meine Eltern eine klassische Schallplatte auflegten. J. Haydns Cellokonzert in C-dur, Hob VIIb:1 wurde oft gespielt…bestimmt auch einmal zu Weihnachten. Die Klänge sind mir so vertraut und wecken entsprechend schöne Gefühle, Düfte, kostbare Erinnerungen. Haydns Violinkonzert in G-Dur, Hob. VIIa wurde mir als Teenagerin zum erstrebenswerten Stück, das ich auf der Geige spielen können wollte. Wenn ich heute nur noch zu Weihnachten in der Familie meine Geige hervornehme, so spiele ich immer zuerst den Anfang dieses Konzertes. Dieses hat sich mir einfach eingebrannt. Ein paar Takte gehen immer….Haydns Musik liebe ich auch als Sopranistin sehr …dachte ich mir doch im Studium, wenn ich niemals Haydns Schöpfung singen könnte, so hätte ich mein Sängerinnenleben verwirkt….Glücklicherweise zählt dieses Werk zu jenen, die ich am meisten gesungen habe.

Ich wünsche mir für dieses Konzert, dass wir Musizierende zusammen mit dem Publikum eine Sternstunde erleben können, die uns mutig macht, den guten Schweif von Weihnachten weiter zu tragen. Alles Störende könnten wir ja „kompostieren“, damit etwas Schönes daraus erwachse.

Lass den Himmel sich auf der Erde widerspiegeln, auf dass die Erde zum Himmel werden möge. Dschelai ed-Din Rumi

Maria C. Schmid

 

 

Bachs Musik als musikalischer Hafen

Gastbeitrag der Sopranistin Kathrin Hottiger

Bei meinem ersten Auftritt als Solistin mit dem Bachensemble Luzern hatte ich gerade mein erstes Semester meines Masters Performance an der Hochschule Luzern hinter mich gebracht. Dass Franz mich damals, Küken dass ich war, auf der grossen Bühne des KKL singen liess, war unbeschreiblich und wird wohl immer eine ganz besondere Erinnerung bleiben für mich. Seit dem Weihnachtskonzert 2015 sind fast drei Jahre vergangen, ich habe meine Ausbildung abgeschlossen und bin nun seit etwas mehr als einem Jahr als freiberufliche Sängerin im In- und Ausland tätig. Dass ich nun wieder als Solistin mit diesem wunderbaren Ensemble, Dirigenten und Orchester musizieren darf, ehrt und freut mich sehr! Sogar ein bekanntes Gesicht findet sich unter den anderen Solisten: mit Simon Witzig durfte ich damals ein Duett singen!

Die Musik von Johann Sebastian Bach hat für mich eine ganz besondere Bedeutung und wird für mich je länger je mehr zu einer Art musikalischem Hafen. An dieser Liebe zu Johann Sebastian Bach trägt Franz Schaffner keinen unwesentlichen Anteil. Wiederholt durfte ich während des Studiums von seinem grossen Wissen profitieren und habe immer wieder gestaunt, mit welcher Offenheit und Selbstverständlichkeit er uns ermutigt hat, eine eigenständige Interpretation zu suchen. Wieder unter ihm als Dirigenten singen zu dürfen ist deshalb eine ganz besondere Freude!

Im Laufe meiner noch jungen Karriere durfte ich bereits zahlreiche von Johann Sebastian Bachs phantastischen Kompositionen kennenlernen und interpretieren. Immer wieder werde ich von der zwar äusserst komplexen, aber für mich doch sehr unmittelbaren Musik tief im Inneren berührt und inspiriert. Oft spüre ich eine grosse Tröstlichkeit beim Hören und Singen von Bachs Musik, die aber niemals oberflächlich ist, sondern bei der alle Höhen und Tiefen des Glaubens und des Lebens mitschwingen. Die Kantate BWV 37 «Wer da gläubet und getauft wird» ist davon keine Ausnahme.

Besonders freue ich mich dabei natürlich auf den Choral «Wie schön leuchtet der Morgenstern» im Duett mit dem Alt und mit Solocello. Diesen kammermusikalischen Ansatz beim Interpretieren von Bachs Musik empfinde ich als ganz besonders reizvoll. Meine Stimme mit der des anderen Solisten und des Soloinstruments verschmelzen zu lassen, mich vom Instrumentalklang und der Phrasierung der Instrumentalisten inspirieren zu lassen, ist für mich etwas vom Schönsten und Lehrreichsten überhaupt.

Nun wünsche ich Ihnen ein beseeltes und erhebendes Konzerterlebnis, und freue mich sehr auf diese wunderbare Musik!

Kathrin Hottiger

 

Vom Bariton zum Altus und der fast vergessene Bach-Sohn

Gastbeitrag von Solo-Altus Stefan Wieland:

Ich wurde gebeten für den Blog des Bachensembles aus dem Nähkästchen zu plaudern und wer bin ich schon um mich dessen zu wehren… Also hier nun meine Gedanken zum bevorstehenden Konzert, zu Bach im Allgemeinen und auch zum Bach-Sohn Johann Christian Bach.

Im Dezember des Jahres 2012 fand ich auf der «Avenue de l’Opéra» in Paris einen CD-Laden des Labels Harmonia Mundi. Was für ein Paradies für einen Audiophilen Menschen wie mich. So viele hervorragende Aufnahmen zu sehr guten Preisen. Unter anderem kaufte ich mir die Einspielung des Requiems und des Miserere von Johann Christian Bach. Es waren zwei Werke, die ich bis dato noch nicht kannte. Selbst den Komponisten kannte ich nur dem Namen nach. Als ich wieder zu Hause war hörte ich mir die anderen CDs die ich mir gekauft hatte an und versank in ihnen. Den Bach jedoch vergass ich total. Etwa ein halbes Jahr später fand ich die Aufnahme wieder und legte sie in den Player. Da geschah es: Ich war wie gefangen. Ich war gefangen in einer eigenen Klangwelt, die mir so noch nicht begegnet war. Was für eine Kraft, was für eine Vitalität und das in sakraler Musik. Das kannte ich bisher nur von Bach-Vater und von G.F. Händel. Dieser Bach-Sohn hatte was auf dem Kasten.

Was mir besonders im Gehör hängen blieb war die Alt-Arie des Miserere. So farbig und saftig. Ich hätte mir ja nie träumen lassen, dass ich diese Arie selber einmal singen darf, denn damals studierte ich noch im Tenorfach. Der Wechsel zum Countertenor kam bei mir erst ein halbes Jahr später. Obwohl ich schon zu Beginn meines Studiums mit diesem Stimmfach geliebäugelt hatte, startete ich als Bariton und wechselte nach einem Jahr ins Tenorfach. Jeden Sommer fuhr unsere Gesangsklasse mit unserem Professor Peter Brechbühler für eine Woche nach Frankreich in ein altes Schloss. Wir lernten da in verschiedenen Duos uns mit dem Liedrepertoire auseinanderzusetzen. Und was darf in Frankreich auf keinen Fall fehlen? Natürlich der Wein. Dieser floss auch nach dem Abschlusskonzert in Strömen und veranlasste mich, eine Jodeleinlage zum Besten zu geben. Peter war sehr angetan davon und befand meine Kopfstimme für gut genug um noch eine Stimmlage in die Höhe steigen zu können. Ich wechselte also ins Counterfach. Diesen Wechsel bereue ich bis zum heutigen Tage nicht. An dieser Stelle mal ein Dankeschön an Peter Brechbühler, dass er dieses Vertrauen in mich setzte.

Wer jetzt aber denkt, dass dieser Fachwechsel so einfach vor sich ging, irrt gewaltig. Ich musste mich nämlich damit auseinandersetzen, dass ich nur noch für ein bestimmtes Repertoire angefragt werden würde. Also keine grossen romantischen Partien, sondern Barock und neue Klassik (damals dachte ich tatsächlich noch so). Was mir jedoch die Entscheidung sehr versüsste, waren die vielen wunderschönen Arien in den Bachkantaten und Oratorien. Man denke da nur an das wunderbare «Schliesse mein Herze» aus dem Weihnachtsoratorium oder «Es ist vollbracht» aus der Johannespassion. Das ist Musik die einem einfach in die Seele geht. Dafür tauschte ich gerne jede Tenorrolle in den Mozartopern ein. Ausserdem sagte ich mir: «Wer bitteschön kann mir verbieten nicht weiter Schumann, Strauss und Brahms zu singen?» Also war es beschlossene Sache. Ich wechselte zum höchsten Fach der Männerstimmen.

Inzwischen durfte ich schon mit vielen erfahrenen Ensembles auf der Konzertbühne stehen. Ein besonderes Highlight war sicherlich das Solistenkonzert mit dem Luzerner Sinfonieorchester im KKL letzten Sommer. Ein Ensemble jedoch war mir noch verwehrt geblieben. Ein Ensemble, dessen Konzerte ich fleissig mitverfolgte und bei dem ich nur zu gerne einmal selber als Solist auftreten wollte. Ich rede natürlich vom Bach Ensemble unter der Leitung von Franz Schaffner. Es war eine grosse Freude, als mich ein Mail mit der Anfrage für das Konzert mit jungen Solisten erreichte. Endlich mit diesen tollen Musikern auf der Bühne zu stehen. Was mich jedoch verwirrte, war die Repertoireauswahl. Eine Kantate von Bach, ohne Alt-Solo. Hmmm… Das andere Werk: Miserere von Johann Christian Bach. Kenne ich nicht. Ich ging also ins Internet und suchte danach. Eine Aufnahme auf Youtube brachte dann aber Erleuchtung: ich kannte es doch! Ich erinnerte mich wieder an die Aufnahme aus Paris. Ich kramte sie hervor und hörte mir das ganze Werk wieder an. Und da war sie wieder: Die wunderschöne Alt-Arie am Schluss! Wunderbar! Ich freute mich riesig. Auch wenn sie gar nicht so einfach zu singen ist. Ja… Wirklich nicht… Das erinnert mich daran, dass ich wieder üben gehen sollte. Schliesslich wollen sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer ja eine tolle Aufführung erleben können. Also viel Vergnügen mit dem Konzert der jungen Solisten. Ich freue mich! Danke!

Stefan Wieland

Wenn Werke gelebt statt dirigiert werden

Gastbeitrag des Tenors Reto Hofstetter:

Es ist für mich eine grosse Freude das Konzertjahr 2018 eröffnen zu dürfen. Seit vielen Jahren darf ich jetzt schon  mit und unter dem Dirigat von Franz Schaffner  bei den Bachkonzerten mitwirken. Wobei der Ausdruck „unter dem Dirigat“ gerade bei Franz Schaffner völlig verfehlt ist.  Zwar würde niemand aus dem Chor, dem Orchester oder von den Solistinnen und Solisten  auch nur einen Moment an seiner Kompetenz und seinem Wissen zweifeln oder seine Anweisungen in Frage stellen wollen. Trotzdem scheint es ihm ein Anliegen zu sein, niemals belehrend oder unterweisend sein zu wollen. Er dirigiert die Werke nicht, sondern er lebt sie.  Er lässt dadurch die Mitwirkenden die Musik erleben  und  die Zuhörer an seiner Passion teilhaben.

Er ist sozusagen der primus inter pares. Er wagt es sogar im Ganzen zu verschwinden, um dem einen Platz zu machen, das ihm wichtig ist: der Musik von Johann Sebastian Bach. Für Franz spielt es auch keine Rolle, ob es die intimen Bach Schemelli Lieder für Orgel und Stimme sind (meine erste Begegnung mit Franz) oder die grossen Werke wie eine Johannespassion, die gerade aufgeführt werden. Für ihn sind es alles Meisterwerke.

Als Sänger ist es eine besondere Freude mit Franz zu musizieren, da er beim Dirigieren oder an der Orgel immer versucht, den Sänger zu unterstützen.  Er hört zu, führt, lässt geschehen und geniesst die Musik eines der grössten Komponisten, die je gelebt haben.

Allerdings wird sich der Zuhörer sicher genauso  für das Requiem von Johann Christian Bach begeistern können.  Das Requiem hat es wirklich  verdient, dass man es quasi wieder ausgegraben hat.  Die Lieblichkeit dieser Musik  geht direkt ins Herz. Auch wenn die Komposition möglicherweise für ein Requiem etwas zu wenig in die emotionale Tiefe des Textes geht, wie wir es aus dem späteren Requiem von W.A. Mozart kennen.  J.C. Bach und der junge W.A. Mozart haben sich offenbar gekannt und sogar zusammen musiziert. Leopold Mozart hat die Kompositionen von J.C. Bach sehr geschätzt und seinem Sohn Wolfgang Amadeus  zum Studium empfohlen.

Reto Hofstetter

Unglaubliche Vollendung

Gastbeitrag unseres Solisten Jörg Dürmüller:

Ich stelle mich kurz vor: in Bern geboren, im Kanton St.Gallen aufgewachsen und dann in Winterthur Gesang studiert, bin ich 1982 zum Weiterstudium an die Musikhochschule Hamburg gewechselt. Meine Karriere begann in Deutschland, und ich bin erst 2010 wieder in die Schweiz zurückgekehrt.

Johann Sebastian Bach ist aus meinem Leben nicht wegzudenken. Seine Musik ist von einer so unglaublichen Vollendung, dass ich mir meinen künstlerischen Werdegang ohne diesen Komponisten nicht vorstellen könnte.

In Deutschland, das mir zu einer zweiten Heimat geworden ist, ist die Musik Bachs tief verankert. Kaum eine Kirche, die nicht jedes Jahr eine  Passion oder das Weihnachtsoratorium aufführt.

Welch unglaubliche Leistung die Sängerinnen und Sänger im Chor vollbringen, war und ist für mich bewundernswert. Meist sind es Laien, die sich nach anstrengenden Tagen im Beruf abends mit ganzem Herzen diesen Werken widmen.

Das hat mich immer sehr gerührt. Welche Liebe zur Musik, welche Liebe zu Johann Sebastian Bach! Seine Musik vereint die Menschen, die musikalischen Hürden werden genommen und das Resultat ist Freude und Ergriffenheit.

In der Schweiz ist Bach nicht auf solch tiefe Weise verankert. Umso mehr freue ich mich, wenn ich in einem Ensemble mitwirken kann, das in mir das gleiche Gefühl von Glück und Erfüllung hervorrufen kann, wie ich es so oft in Deutschland erleben durfte.

Gerade im KKL gelingt es auf hervorragende Weise, dem Zuhörer die musikalische Sprache verständlich zu machen. Dieser Saal zieht sich zurück und ist nur noch der Verstärker dessen, was auf dem Podium passiert.

Ich habe eigentlich in allen grossen Sälen dieser Welt gesungen, angefangen mit der Berliner Philharomie bis zur Carnegie Hall in New York, aber das KKL hat mich von allen Sälen am meisten beeindruckt.

Mit dem Bach Ensemble singe ich nicht das erste Mal überhaupt, aber das erste Mal Bach. Ich freue mich auf dieses Weihnachtsgeschenk!

Jörg Dürmüller

 

Bescheidenheit gegenüber der Unvergänglichkeit

Gastbeitrag unseres Solisten Valentin Johannes Gloor:

Wie kann es sein, dass uns Johann Sebastian Bachs Musik nach fast dreihundert Jahren noch immer etwas mitzuteilen hat? Wenn ich mir überlege, welche meiner eigenen Handlungen in dreihundert Jahren wohl noch irgendeine Resonanz haben wird (Antwort: keine einzige), bleibt in mir nur ein grosses Staunen über diesen längst verstorbenen Komponisten und seine Werke. So viel Existenz ist in diesen Werken, so viel Geist. Da kann und will ich einfach nur bescheiden sein. Und letztlich – immer öfter komme ich zu diesem Schluss – ist es doch ein unglaubliches Geschenk und Privileg, sich als Musiker, als Sänger mit dieser grossartigen Musik beschäftigen zu können, ja zu dürfen. Dabei macht es uns Bach keineswegs „einfach“. Er fordert einiges und manchmal alles von uns, bevor er uns beschenkt. Aber wie nach langen Wanderungen gilt auch hier: Je mehr man sich eingesetzt hat, desto grösser ist der Genuss auf dem Gipfel.

Wenige schaffen es wie Franz Schaffner, sich so konzentriert und doch zugleich entspannt und inspirierend diesem Meister anzunähern. Das ist es reine Freude für die Mitmusizierenden und für das Publikum.

Mit Bachs H-moll-Messe steht mindestens ein Viertausender an. Welch ein Genuss wird das sein!

Valentin Johannes Gloor

 

Die Kunst des Erzählens oder was Buckelwale mit der Johannespassion zu tun haben

Ein Gastbeitrag von Hans-Jürg Rickenbacher, der als Evangelist im Rahmen der Johannespassion zu hören ist:

 

Ein Erzähler hat viele gestalterischen Möglichkeiten, eine Geschichte spannend, überraschend und packend darzustellen, wenn seine Zuhörinnen und Zuhörer ihren Inhalt noch nicht kennen und neugierig auf den Plot sind. Wie erzähle ich nun als Evangelist eine Geschichte, die alle bereits kennen, niemand deswegen ins Konzert gekommen ist sondern eher wegen der Musik, dem Chor, dem Ensemble, dem Orchester, den Chören und Arien und sicher nicht wegen dem sattsam bekannten Bericht einer römischen Hinrichtung vor 2017 Jahren? Diese Aufgabe könnte leichter sein und ich beginne zuerst im Tierreich:

„Der Gesang der Buckelwale ist eine geordnete Sequenz von vielen Lauten, die im Hörbereich des Menschen liegt. Ein Lied besteht aus Serien von bis zu 15 Minuten langen Phrasen. Der männliche Buckelwal singt nur während der Reproduktionszeit. Der Gesang signalisiert den anderen Walen seine Gesundheit und seinen Zeugungswillen. Die Gesänge der Buckelwale werden unter Wasser von den anderen Walen auf eine Distanz von 50 bis 100 km gehört.

Ausser den Gesängen der Männchen können alle Wale „soziale Geräusche“ von sich geben wie: Schnarchen, Husten, Quieken, Poltern und Trompeten. Wale haben keine eigentlichen Stimmbänder. Sie produzieren Geräusche indem sie Luft mit Druck durch kleine Säcke des Atemapparates pressen. Buckelwale benützen visuelle Signale für die Kommunikation auf kurze Distanz und akustische für grosse Entfernungen.“

Diese gesangtechnischen Superlative beeindrucken nebst vielen anderen Informationen die Besucher des Freiluft-Walmuseums in Puerto Lopez an Ecuadors Pazifikküste. Obschon etliche Opernarien durchaus von „Gesundheit und Zeugungswillen“ berichten, verneigt sich der menschliche Sänger angesichts fünfzehnminütiger Phrasen und einem bis zu 100 km weiten Hörbereich bescheiden vor dem männlichen Buckelwal. Auch wir überbrücken heute grössere Distanzen „akustisch“ mittels Telefon und für ein Konzert fliegen wir ab und an auch mal interkontinental doch die Wale schaffen dies alles ohne Hilfsmittel, sogar ohne Stimmbänder (!)  und schwimmen dabei alljährlich von den Polarmeeren bis in aequatoriale Gewässer in ihre Reproduktionsgebiete und wieder zurück – einfach so.

Vor 50 Millionen Jahren entwickeln sich die Wale aus den Mesonychia, einer Gruppe fleischfressender Paarhufer, denen das heutige Flusspferd am nächsten verwandt ist, und werden zu Meeresbewohnern.

Mit einigem zeitlichen Abstand fängt der Homo sapiens vor rund 200 000 Jahren an, Musik und Sprache zu entwickeln. Letztere bringt ihm durch ihre Informationsmöglichkeit entscheidende Vorteile gegenüber den körperlich in fast Allem überlegenen Tieren.

Und die Musik, was bringt die Musik eigentlich? Hätte Sprache nicht bereits ausgereicht zum Überleben und zur Überlegenheit ? War Musik nicht von Anfang an eigentlich überflüssig?

Steven Mithen schreibt in seinem Buch „The singing Neanderthals – the origin of Music, Language, Mind and Body“, dass Gesang per se nichts Weiteres sei als ein Bewegungsprodukt der verschiedenen Teile des Atemapparats vom Zwerchfell bis zu den Lippen. Ein „Organ-Tanz“ also und weiter hätten Sprache und Musik drei Ausdrucksarten gemeinsam: die Vokalisierung in Sprache und Gesang, die Gestik in Gebärde und Tanz sowie die Schrift in Wort und Musiknotation. Beide Bereiche entwickelten eine differenzierte Symbolik, wobei die Sprache all ihre Zeichen in Sinn und konkrete Information ausprägte und die Musik eine eigentliche Gegenwelt dazu schuf, indem sie gerade nicht konkrete Information verschlüsselt sondern „abstrakt“ alles transportiert, was wir in sie hineinlegen.

Die einfache Tatsache, dass verschiedene Sprachen ineinander „übersetzbar“ sind, bei Musik hingegen weder Übersetzungen in verschiedene Stile nötig noch sinnvoll sind, weil ja gerade der Stil, die Epoche, die Gattung etc. jeweils ihr Wesen ausmacht, zeigt, dass Sprache sehr wohl „Musik“ braucht, um transportiert werden zu können, die Musik aber ganz gut ohne Sprache zurecht kommt. Das bedeutet auch, dass Musik älter und ursprünglicher ist, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass zuerst Begriffe entstanden sind und anschliessend Emotionen hinzukamen.

Ich möchte sogar soweit gehen und behaupten, dass die Musik unsere verloren gegangene Körperlichkeit sublimiert und  bewahrt hat. Wenn die Sprache unsere Kommunikation in ein geniales System von Symbolen hineingiessen konnte, dann machte die Musik Vokalisierung, Gestik und Schrift „ohne Sinn“ transportfähig; eine „Metakommunikation“, die ohne Wortlast und Sinnbalast tanzen, fliegen und singen kann.

Und nun wieder zurück zu Bach, zur Johannespassion und zum Evangelisten mit seinem allseits bekannten Thema: Johann Sebastian Bach komponiert in alle Rezitative einen Subtext hinein, interpretiert den nicht als dramaturgisch durchdachtes Libretto verfasstenText auf sehr persönliche Weise: hochbarock-kontrastreich, expressiv und subtil ausgewogen. In diese „fertige Inszenierung“ begebe ich mich als Evangelist mit dem Continuo zusammen hinein und kann nun wieder frei gestalten, wie ein Schauspieler, der einen bekannten Monolog zum erneuten Male und immer wieder neu darstellen kann.

Mit dem Bach Ensemble Luzern ist dies ein besonderes Vergnügen, denn hier wird hochprofessionell geprobt, effizient gearbeitet und subtil musiziert. Mit diesem Hintergrund bekommt ein Evangelist in einer Aufführung mit Franz Schaffners Bach Ensemble wiederum viele gestalterischen Möglichkeiten, seine Geschichte spannend, überraschend und packend darzustellen – lassen Sie sich überraschen!

 

Gastbeitrag der Solistin Barbara Erni: Musik voller Energie und Glanz

Im diesjährigen Weihnachtskonzert im KKL werden unter anderem die beiden berühmten Werke „Gloria“ von Antonio Vivaldi und „Magnificat“ von Johannn Sebastian Bach erklingen. Schon seit Jahren begleiten mich diese beiden wunderbaren Werke auf meinem Weg als Sängerin. Ich erinnere mich zum Beispiel an meinen ersten solistischen Einsatz in Vivaldi’s Gloria, damals noch als angehende Primarlehrerin, zusammen mit dem Gymnasiumschor. Bereits damals und auch heute noch übt dieses Werk mit seiner speziellen Energie eine grosse Faszination auf mich aus.

Auch meine ersten Erinnerungen an Bachs Magnificat reichen zurück in die Anfangszeit meines Gesangsstudiums. Es war eines der ersten Bach-Werke, welches ich einstudieren konnte. Und ich weiss auch noch, dass ich nicht so recht wusste, was ich mit dieser Musik anfangen sollte. Es war einerseits faszinierend, andererseits… ein schwieriger Knochenjob… So richtig wohl fühlte ich mich lange nicht und es war mir bewusst, dass man in diese Arien „hineinwachsen“ muss. Erst als ich sie mit der Altistin Ingeborg Danz zusammen erarbeiten, ja „erobern“ durfte, eröffnete sich mir der Zauber dieser Musik. Ich liebe die Transparenz und Farbigkeit, die stimmungsvollen und eindringlichen Melodien, aber auch die Gegensätzlichkeiten. Die sprühende Energie des „Et exsultavit“ packt mich genauso wie die ruhige, fast meditative Stimmung im „Et misericordia“… und dann „mein“  heissgeliebtes „Esurientes“… so schlicht, so fein und wunderschön!

So bin ich mit beiden Werken schon einige Jahre vertraut und lerne und erlebe sie immer wieder neu! Es ist spannend, wie sich solche Werke in meinem Innern wandeln, wie ich mit und an ihnen gewachsen bin. Immer wieder möchte ich sie neu erschaffen, die „Altlasten“ – „diä altä Chnörz“ – abwerfen und etwas Neues wagen, zulassen und offen sein für die Ideen des Dirigenten und meiner Mitmusiker. Hier möchte ich den Bogen zu meiner Zusammenarbeit mit Franz Schaffner und dem Bach Ensemble Luzern spannen.

Seit einigen Jahren habe ich immer wieder die Ehre und das Vergnügen, mit Dirigent Franz Schaffner und seinem Team zu singen. Ich schätze und bewundere die hochmusikalischen Fähigkeiten und die Professionalität von Franz enorm. Mit ihm und seinem Ensemble zu musizieren ist immer ein Fest! Ich spüre seinen Respekt gegenüber der Musik, aber auch gegenüber den Musikern. Dementsprechend gestaltet sich auch die Zusammenarbeit. Man begegnet sich in Offenheit und lässt dann zusammen in der Probe etwas entstehen, man lässt sich aufeinander ein und findet sich als Ganzes, als Einheit. Einerseits kann ich mich einbringen, geniesse künstlerische Freiheiten und meine musikalischen Ideen finden Gehör. Andererseits geht man aufeinander ein, verbindet sich und „zieht am gleichen Strick“. Und genau deshalb sind diese Konzerte mit Franz und dem Bach Ensemble Luzern immer grosse, beflügelnde und wohltuende Erlebnisse für mich – DANKE VON HERZEN!

Ich freue mich auf das Weihnachtskonzert mit euch allen im KKL mit diesen herrlichen Werken! Ich werde mit Herz, Leib und Seele singen und mich mit euch verbinden, damit wir alle zusammen ein ganzheitliches Medium für diese wunderbare Musik bilden – möge sie bei unserem Publikum ankommen und die Herzen berühren!

Barbara Erni

Liebesbrief an Johann

Gastbeitrag von der Solistin Carmela Konrad:

Liebster J.S.

Es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Langsam hast du dich in mein Herz geschlichen.

Damals, auf Dreilinden, neben all den Blumenvasen in der kleinen Abstellkammer im obersten Stockwerk.

Auf meinem Notenpult stand das Präludium in d-Moll, irgendwie kompliziert und sauschwer deine Werke auf Gitarre zu spielen. Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie ich dann diese Fugen auswendig gelernt habe. Meine musikalische Vorliebe war noch bei den Fugees, Warren G, Andrew Lloyd Webber oder Alan Menken, aber je mehr Musik ich von dir hörte, je mehr Werke ich von dir kennen gelernt und gesungen habe, desto stärker wurden die Gefühle.

An unsere erste Arie erinnere ich mich und habe die Kopien der Noten, inzwischen vergilbt und abgegriffen, aus sentimentalen Gründen immer noch aufgehoben.

„Quia respexit“ aus deinem Magnificat, es war wohl 1996, also noch in deinem Jahrtausend, da war der erste vokale Funke gesprungen. Ich hätte nie gedacht, dass es mich so erwischen würde.

…Und jetzt, 20 Jahre später lerne ich die Arie vom Konzert mit dem Bach Ensemble Luzern „Gedenk an uns mit deiner Liebe“ im Verzeichnis die 29. Wie unglaublich schön, wie aktuell und treffend.

Gibt es etwas schöneres, etwas größeres als die Liebe? Für mich ist sie das Höchste. Diese eine Stelle kreist in meinem Kopf. Du bringst meinen Körper zum Tanzen,

mein Herz vor Freude zum überlaufen, triffst mich tief und lässt mich weinen, lässt mich trauern. Du bist immer für mich da, spendest mir Hoffnung und Trost, begleitest mich in allen Lebenslagen. Der Tod, das Leben, deine Musik: Magie.

Du bist mir so nahe, J.S.

Du bist Teil von mir. Jeden Tag lerne ich von Dir. Es ist nicht immer einfach. Ich weiß, manchmal verstehe ich dich nicht auf Anhieb, stehe mir selber im Weg, aber du bleibst geduldig. Mein Fixstern.

Du schenkst mir Gefühle überfließender Freude, Erfülltheit und Eins Sein mit der Musik.

Du bist mir Inspiration für meine Malerei und deine Schaffenskraft ist mein Vorbild.

Mein erstes KKL Heimspiel hast du mir 2013 geschenkt: Dein Weihnachtsoratorium, gleich alle sechs Kantaten. Zusammen mit Franz Schaffner und dem Bach Ensemble… Was für eine schöne und prägende Erinnerung. Du nimmst mich mit auf Reisen, z.B. in die Philharmonie Berlin und München, oder nach Stuttgart (Dein Witz bei der Bauernkante auf unserem Video auf YouTube bringt mich immer wieder zum Lachen :).

Du zeigst mir wunderschöne Klöster, Kirchen und Konzertsäle und lässt mich die Welt mit glänzenderen Augen sehen.

Zeig mir die ganze Welt, ich folge dir.

Ich bin dir unendlich dankbar, Johann Sebastian Bach.

Danke dass ich deine Musik singen darf, deine Musik mit meinen Mitmenschen teilen darf. Deine Musik beseelt und (er)nährt mich.

Möge ich deinem Anspruch gerecht werden.

Ich liebe dich, J.S.

Danke, dass es deine Musik gibt.

In tiefer Verbundenheit,

Carmela

Remy Burnens: Gedanken zu Konzert mit dem Bachensemble Luzern

Als junger und ambitionierter Sänger verfolgt man viele Ziele. Man träumt von Auftritten in ausverkauften Konzertsälen, den grossen Partien in Oratorien und Passionen und von Konzerten mit den besten Orchestern und Dirigenten. In Luzern heissen diese Träume konkret: das KKL, das Theater, die grossen Kirchen . Und eben auch das Bach Ensemble Luzern.

Doch bis es soweit kommen kann braucht es viel Arbeit. Nebst einer innigen Liebe zur Musik und Leidenschaft für aktives Musizieren braucht es stundenlanges Üben. Das Ziel diese Träume zu verwirklichen ist dabei eine essentielle Motivationsquelle.

Viele Stunden vergehen so in Vorbereitung und Vorfreude auf ein etwaiges Engagement. Und gerade dann, wenn man es am wenigsten erwartet, ist sie plötzlich da, die Anfrage – als Solist mit dem Bach Ensemble in der neuen Konzertreihe mit jungen Solisten.

Zuerst noch in weiter Ferne und etwas unfassbar, da das Konzert zum Zeitpunkt der Anfrage noch mehr als ein Jahr entfernt liegt. Doch je näher das Konzert dann rückt, desto bewusster wird einem, wie wichtig dieser nächste Schritt im der Karriere eines jungen Sängers wird:

Das Bach Ensemble ist hochprofessionell, der Dirigent ausserordentlich. Das Publikum kommt um Musik in bester Qualität zu hören und erwartet in jeder Hinsicht eine Höchstleistung. Dies führt dazu, die ohnehin bereits sehr hohen Ansprüche an die eigenen musikalischen und sängerischen Fertigkeiten noch einmal zu steigern und sich besonders intensiv mit der Musik zu beschäftigen.

Doch dies fällt nicht etwa zur Last, sondern beflügelt wiederum! Die Arbeit mit Bachs Musik ist immer eine Belohnung in sich selbst: Von den Passionen bis zum Choralsatz findet man in jedem Stück eine unglaubliche Fülle an Details, welche keineswegs vernachlässigt werden dürfen. Es erfüllt mich mit grosser Freude, diese wunderbare Musik nicht nur für mich im Zimmer der Hochschule zu üben, sondern sie bald für ein interessiertes Publikum im Konzert aufzuführen.

So blicke ich voller Vorfreude dem anstehenden Konzert entgegen – und hoffe, dass dieser Traum vom gemeinsamen Musizieren noch viele weitere Male in Erfüllung gehen wird.

Remy Burnens