Chor

Chorsänger Arnold Wettstein: Warum Bach Ensemble, warum Bach, warum überhaupt Musik?

In jungen Jahren, doch bereits in Ausbildung zum Architekten hörte ich die H-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach. Hätte ich mich nicht an der Kante festgehalten, hätte es mich wohl unter den Zeichentisch geschleudert. Dieses Werk möchte ich singen. Werde ich jedoch einmal die notwendige gesangliche Fertigkeit erlangen? Nach abgeschlossener obligatorischer Schulzeit öffnet sich eine neue Welt, oder besser, eine ganze Welt bricht auf einen herein. Für welches Gebiet künftiger Tätigkeit soll man sich entscheiden? In der Gesamtauslage von Berufen trifft man auch auf eine breite Palette im schöpferischen Bereich. Ich entschied mich, auf dem bildnerischen Gebiet tätig zu werden. Die Musik begleitete mich jedoch über die ganze Zeit als Sänger in mehreren Chören. Die Auseinandersetzung mit den jeweiligen Werken hat meine tägliche Arbeit wesentlich befruchtet.

Alle schöpferischen Tätigkeiten haben eine gemeinsame Basis, es sind nebst der Sensibilität des Empfindens auch die klaren Gesetzmässigkeiten die den Werken zu Grunde gelegt werden. In der Musik ist es unter anderem der Kontrapunkt, in der Malerei die Form und Gegenform, in der Bildhauerei Körper und Raum, und in der Architektur Raumvolumen und Zwischenraum, Licht und Schatten und der goldenen Schnitt, usw. Ist Musik denn etwas anderes als Architektur? Oder andersherum gefragt, sind es nicht die Obertöne die in guter Architektur mitschwingen? Die Geschichte scheint die Verwandtschaft unter den verschiedenen Disziplinen zu bestätigen, denn viele Künstler waren auf mehreren Gebieten tätig. Paul Klee – der Bach bildnerischen Schaffens – war auch Musiker, Le Corbusier hat sich eingehend mit Klangordnung befasst, Schönberg war Musiker, Maler und Dichter, usw. Alma Mahler hat gar auf „allen Registern“ schöpferischer Geister gespielt.

Während der Berufsausübung mit eigenem Büro und der Lehrtätigkeit im selben Fach wäre es unmöglich gewesen, im Bach Ensemble mitzusingen. Der Anspruch, die Werke selbständig einzuüben, dafür hätte mir die notwendige Zeit gefehlt. Später haben sich Türen – so quasi Echokammern – für mehr Musik geöffnet. Der Nachhall hat in mir dann auch einiges ausgelöst. Vor Eintritt ins Bach Ensemble habe ich festgestellt, dass (nur) Singen von gregorianischem Choral nicht genügt um die Stimme in Schwung zu halten. Es war ein Versuch wert, ob ich den hohen Anforderungen des Bach Ensemble gewachsen bin. Und siehe da, endlich durfte ich die H-Moll- Messe singen, grossartig, und wir werden sie demnächst nochmals aufführen. Ich musste mich lange gedulden, beinahe so lange wie deren erste vollständige Aufführung nach ihrer Entstehung. Diese Messe ist für mich Essenz Bach’schen Schaffens. Auch in Kantaten, Motetten, Oratorien und Passionen hat mir Bach neue Welten geöffnet. Dann die Gegenüberstellung zu Werken anderer Komponisten, unterschiedlicher Temperamente, vereint in einem Programm, ist hoch interessant. Die Vermittlung der Kompositionen in den Proben und letztlich die gelungenen Aufführungen rühren mich immer wieder an.

Die Frage, ob ich den Anforderungen gewachsen bin stelle ich mir heute nicht mehr, sondern versuche seit sieben Jahren, ihnen gerecht zu werden. Mit dem Eintritt ins Bach Ensemble habe ich – wenn auch spät- gut gewählt und hoffe, dass meine Stimme weiterhin mithält. Voll „Sangesdrang“ freue ich mich auf die nächsten Konzerte. Singen im Chor ist ein gemeinsamer Akt, es ist Empfinden das gemeinsam zum Ausdruck gebracht wird. Ueber den hohen Wert vereinten Wirkens schreibt Franz Kafka „……erst im Chor mag eine gewisse Wahrheit liegen“.

Arnold Wettstein