Willi

Das Bach Ensemble Luzern ist mir ans Herz gewachsen

Gastbeitrag von unserem Trompeter Willie Röthenmund:

Als Trompeter und Corno da Caccia – Bläser spiele ich seit vielen Jahren mit grosser Leidenschaft mit dem Bach Ensemble Luzern und seinem charismatischen Leiter Franz Schaffner zusammen. Dass jedes Konzert zu einem Highlight wurde, verdanken wir den genialen Komponisten, der umsichtigen Programmgestaltung, dem ausgezeichneten Niveau und dem engagierten Einsatz jedes Sängers und Musikers und vor allem der packenden und ergreifenden Gestaltungskraft des Dirigenten, die uns alle berührt, erfüllt und beflügelt.

Meine Arbeit für das Bach Ensemble Luzern beginnt mit dem Erhalt des Jahresprogrammes, das ich immer sehnlichst erwarte, denn das Bach Ensemble hat für mich erste Priorität. Aus dem Programm ist genau ersichtlich, welche Besetzung die Werke erfordern und ob es die Blechblasinstrumente braucht. Da Franz den barocken Glanz und den festlichen Impetus liebt, sind das Corno da Caccia (ein engmensuriertes Piccolohorn für die hohen und zum grossen Teil virtuosen Partien bei Johann Sebastian Bach und anderen Barockkomponisten) und die Trompeten meist mit von der Partie. Die Noten suche ich in den Orchesterstudien oder auch im Netz, höre mir Aufnahmen der Werke an und bespreche mit Heinz della Torre (der die Gruppe koordiniert) die definitive Stimmeneinteilung. Oft gibt es auch spezifische Fragen, die frühzeitig mit Franz geklärt werden müssen, bevor die eigentliche Arbeit – das Üben beginnen kann. Die seriöse, individuelle Vorbereitung aller Musiker und Solisten ist eine unabdingbare Voraussetzung, damit das Probenkonzept aufgeht. Die Bläser stossen erst einen Tag vor dem Konzert zu den Streichern und dem Chor, das heisst: Jeder beherrscht seine z.T. sehr solistischen Partien und die Probe dient einzig dazu, Solisten, Chor und Orchester harmonisch zu einem Gesamtkunstwerk zusammenzufügen und die Interpretation und Intentionen Franz Schaffners gemeinsam zu realisieren. Am Konzerttag gibt es zwar noch eine Generalprobe (drei Stunden vor dem Konzert), aber da der Fokus auf dem Konzert liegt, versuchen wir dabei haushälterisch mit unserer Lippenkraft umzugehen.

Die Proben und Konzerte in der wunderbaren Franziskanerkirche, die ich von ihrer Architektur und Akustik beim Spielen immer wieder als Kraftort erlebe und die Weihnachtskonzerte im KKL sind einzigartige und unvergessliche Erlebnisse, bei denen hochkarätige Solisten, wie im Jahr 2015 der einzigartige Trompeter Immanuel Richter oder in diesem Jahr der Spitzengeiger Daniel Dodds die glanzvollen Sternstunden krönen.

Im September Konzert 2016 spielen wir Bachs Kantate BWV 29 «Wir danken dir, Gott, wir danken dir». Dies gibt mir das erste Stichwort für meinen Blog: Neben dem Dank nach oben ist es mir ein Bedürfnis, allen Sängerinnen und Sängern, Musikerinnen und Musikern des Bach Ensemble Luzern für die unzähligen seelisch tiefgründenden Empfindungen beim Kammermusikalischen Zusammenspiel herzlich zu danken. Ebenso danke ich Franz Schaffner und meinen ausgezeichneten Kollegen Immanuel Richter, Markus Wünsch, Heinz della Torre und Thomas Portmann für die schönsten und spannendsten Weiterbildungsstunden während meiner musikalischen Laufbahn. In den Dank einschliessen möchte ich auch das treue Publikum. Blickt man von der Bühne in den Zuhörerraum, entdeckt man zahlreiche Stammgäste und Liebhaber geistlicher Musik. Es ist wunderbar, dass unsere klingende Botschaft – fast 300 Jahre nach ihrer Entstehung – auch heute noch auf offene Ohren stösst.

Das zweite Stichwort entnehme ich den «Vier Jahreszeiten» von Antonio Vivaldi: L’Autunno. Auch ich stehe als über 60-Jähriger im Herbst meines Lebens. Meine Leidenschaft für die barocken Meister ist ungebrochen, aber das professionelle Niveau der Interpreten (vergleiche mit Konzerten von Spitzenensembles, CD-Einspielungen oder auf YouTube) ist ständig am Steigen und verhält sich umgekehrt proportional zu der Leistungskurve während eines Menschenlebens. Die Anforderungen der Piccolo-Trompetenstimmen in den Werken Bachs sind meiner Ansicht nach vergleichbar mit dem Spitzensport, wo es gilt, im entscheidenden Moment punktgenau die maximale Leistung abrufen zu können und dies darüber hinaus mit scheinbarer Leichtigkeit und musikalischem Charme.

So werde ich wohl bald meinen Platz auf dem Podium einem jüngeren Musiker frei geben, dem roten Faden in jedem Programm Franz Schaffners mit Freude und Interesse folgen und die hinreissenden Klänge des Bach Ensemble Luzern auf der «andern Seite» als Hörer geniessen dürfen.

Willi Röthenmund