photo Kopie 2

Das ist Bach: vielschichtig, tiefgründig und vieles mehr

Luzia Küchler spielt im Orchester Violine und schildert uns hier ihr Gedanken zum bevorstehenden Konzert:

Bald ist es wieder soweit. Unser erstes Konzert in diesem Jahr, in welchem die Johannes Passion von Johann Sebastian Bach erklingen wird, steht vor der Tür. Die Noten sind schon vor einiger Zeit eingetroffen und ich übe abwechselnd zuhause und in den Pausen zwischen den Lektionen an den Musikschulen, wo ich Violine unterrichte.

Bereits die ersten Töne des Eingangschores vergegenwärtigen mir die Stimmung dieses grandiosen Werks. „Herr unser Herrscher!“ – das müsste doch eigentlich anders klingen. Diese schleichenden Sechszehntel stellen nicht Glanz und Herrlichkeit dar, vielmehr vermitteln sie das mulmige Gefühl, dass hier etwas Ungeheuerliches im Anzug ist. Das ist Bach: vielschichtig, tiefgründig und vieles mehr.

In dieser Passion treten die Gegensätze besonders stark hervor. Die mörderischen Rufe der aufgewiegelten Menge und die Hetze der Hohepriestern, welche in hohen Stimmlagen ertönen, bilden einen klaren Kontrast zu der tiefen, ruhigen Stimme von Jesus, die seine Erhabenheit über dieses menschliche Gezänke hervorhebt. Die aufwühlende Erzählung des Evangelisten wird von besinnlichen und beschaulichen Arien und Chorälen abgelöst. Der Chor hat dabei die anspruchsvolle Aufgabe, mal aggressiv, mal einfühlend zu agieren.

In der Arie „Es ist vollbracht“ wird der Sieg über den Tod und die Auferstehung sowohl in Wort wie in der Musik angekündigt. Der Schlusschoral weist tröstlich ins Jenseits.

Ich freue mich schon auf den Samstag, an dem alle Streicher zur ersten gemeinsamen Probe zusammenkommen. Franz Schaffner arbeitet sehr konzentriert und effizient. Bei allem Feilen und aller Sorgfalt verliert er sich nie in Details. Mit klarem Blick auf das Wesentliche wählt er die Schwerpunkte der Probearbeit und behält dabei das Ganze im Auge.

Doch gelegentlich, nach intensivem Üben, ruhen die Instrumente. Das ist der Moment in dem Franz uns einige Einblicke in die Zahlensymbolik des soeben geprobten Bach Werkes gewährt. Er kann meistens nur einen kleinen Teil dieser Beispiele erläutern, da diese Musik voll von solchen verschlüsselten Botschaften ist. Das lässt uns immer wieder von Neuem staunen, und vermittelt ein vertieftes Verständnis für diese unglaublich genialen Werke.

Alle Mitwirkenden verbindet eine grosse Liebe zu dieser wunderbaren Musik. Ich sehe so viel Engagement von allen Seiten und bin überzeugt, dass jeder hier sein Bestes gibt. Vom Üben bis zum letzten Ton der Aufführung findet eine grosse Steigerung statt.

Franz versteht es in einzigartiger Weise die Spannung zu halten, so dass sich auch das Publikum dem Bann der Musik nicht zu entziehen vermag. Ich erlebe die Zuhörer immer sehr aufmerksam,- ja andächtig. Der innigste Moment aber ist die Stille, wenn der letzte Akkord verklungen ist. Hier sammelt sich noch einmal die ganze Kraft im Inneren, bis der Dirigent die Arme senkt und der Applaus beginnt.

Für all die beglückenden Momente, die ich mit dem Bach Ensemble erleben durfte und hoffentlich noch darf, erfüllt mich grosse Dankbarkeit!