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Weihnachtsoratorium – mein persönliches Schlussbouquet

Ein Gastbeitrag von Chorsängerin Irene Bucheli-Zemp

Singen bedeutet für mich Lebenselixier. Im Bachensemble zu singen erfüllt mich mit grosser Freude und Zufriedenheit. Ganz besonders dieses Jahr mit den grossen Werken von J.S. Bach war für mich wie ein Geschenk zum Abschluss meines intensiven Chorlebens, denn Bach singe ich am liebsten.

Proben auf so hohem Niveau macht einfach Spass, denn alle haben langjährige Erfahrung, kennen das Werk schon ziemlich gut, sodass eher selten Töne „geochst“ werden müssen, sondern gleich von der ersten Probe an gestaltet, musikalisch gefeilt und einfach musiziert wird. Das gefällt mir. Ich erarbeite das Werk lieber allein zuhause am Klavier und geniesse dann die Probenarbeit, die von Franz ganzheitlich didaktisch gut gestaltet und professionell geleitet wird.

Natürlich sind mir auch andere Komponisten lieb, besonders Händel, Brahms, Mozart, Mendeslsohn, Schubert und Rheinberger.

Aber Johann Sebastian Bach war bereits zur Schulzeit mein Lieblings-Komponist.

Das Weihnachtsoratorium lernte ich auch schon als Kind kennen. Meine Klavierlehrerin wohnte im obersten Stock unseres Hauses und hatte einen Plattenspieler. Am Wochenende wenn sie nicht da war, durfte ich allein für mich dieses beeindruckende Werk hören und war einfach nur glücklich dabei.

Im neunten Schuljahr hielt ich einen Vortrag über J.S. Bach, was mich diesem wunderbaren Komponisten noch näher brachte. Und mit meinem Sackgeld kaufte ich auf dem Flohmarkt in Lugano die allererste kleine Platte: aus der Matthäuspassion „Mache dich mein Herze rein.“ Weil ich nur diese einzige Platte besass, hörte ich sie halt immer und immer wieder, was nun zur Folge hat, dass ich bei dieser Musik heute noch erinnert werde an Lugano und an das Buch, das ich damals las, während ich diese Arie hörte.

Manche Frauen wechseln in späteren Jahren vom Sopran in den Alt. Bei mir war es umgekehrt. Im Kinderchor musste ich 2. oder 3. Stimme also sehr tief singen. Das tiefe Singen wurde mir zur Gewohnheit und ich bekam immer mehr Angst vor den hohen Tönen. Aber ich merkte dann irgendwann, dass dies nicht wirklich meine Stimme ist. Ich konnte nicht laut singen, höchstens auf Kosten der Qualität. Ich wurde schnell heiser, weil ich nicht gelernt hatte, wo man die Kraft herholen kann ohne Druck in der Kehle.

Erst als ich meine Ausbildung zur Stimmtherapeutin (AAP, FE, NFR) machte, entdeckte ich die für mich damals neue Welt der Körperarbeit.

Ich nahm fortan regelmässig Gesangstunden, was eine stetige Stimmentwicklung mit mehr Resonanz und Leichtigkeit in der Höhe zur Folge hatte. Dadurch fühlte ich mich in der Lage, beim Bachensemble im ersten Sopran mitzusingen. Was für ein Geschenk für mich!

Das Singen auf hohem Niveau ist für mich stets auch berufliche Weiterbildung. Ich brauche für meine Stimmkurse eine starke Sprech- und Singstimme. Durch meine Kurstätigkeit als AAP-Stimmtrainerin und FE-Körpertherapeutin erlebe ich viele Menschen, die Angst haben, ihre Stimme zu zeigen. Sie haben erlebt, in der Schule beim Singen nicht zu genügen oder ihre Sprechstimme wurde bemängelt aufgrund einer schlechten Atemtechnik. Einigen hat es sogar buchstäblich die Stimme verschlagen, wenn die psychische Belastung am Arbeitsplatz oder in der Familie zu gross wurde. (Burnout) In diesem Rahmen erleben zu dürfen, wie Menschen wieder Mut bekommen und sich getrauen, für sich selber einzustehen, mit ihrer eigenen Stimme sich zu zeigen, das bedeutet für mich etwas Kostbares und Grossartiges. Stimme ist eben mehr als Sprechen und Singen.

Was passiert konkret körperlich, wenn man singt?

Das Belohnungssystem im Gehirn springt an, wie beim Lachen oder Verliebt-sein, das haben Hirnforscher herausgefunden – und es ist dem Gehirn nicht möglich, beide Zentren, jenes für Belohnung und das Angstzentrum, gleichzeitig zu aktivieren. Die Bereiche schliessen einander aus. Sobald also das Belohnungssystem angeht wie z. B. beim Singen, nicht sofort, aber nach einer Weile-, empfindet man keine Angst mehr.

In vielen Chören habe ich gesungen und viele Dirigenten erlebt. Was ich bei Franz Schaffner besonders schätze ist seine bescheidene und zutiefst menschliche Art der Kommunikation beim Proben. Korrekturen werden von ihm aufbauend, bestärkend, wohlwollend und taktvoll angebracht, nie verletzend.

Er versteht es ganz besonders, unsere Leistung bei der Aufführung noch massiv zu steigern, sodass wir über uns hinauswachsen können, weil wir angesteckt werden von seiner Begeisterung. Ich danke dir, Franz!

Dass ich nun das Bachensemble als aktive Sängerin nach 10 Jahren loslasse fällt mir nicht so leicht, aber ich spüre, dass es der richtige Zeitpunkt ist, gerade jetzt mit dem Weihnachtsoratorium.

Ich möchte jüngeren Stimmen Platz machen und bin bestimmt als begeisterte und neugierige Zuhörerin fortan gerne im Konzertraum anwesend.

Singen werde ich auch noch weiterhin, insbesondere mit meinen  Enkelkindern, mit meiner Nachbarin, die mich am Klavier begleitet, in den Duett-weekends und hie und da bei einem kleineren Chorprojekt. Ich lasse es auf mich zukommen.

Vorerst aber freue ich mich noch auf ein paar intensive Proben und dann auf ein unvergessliches Abschlusskonzert mit dem Weihnachtsoratorium von J.S.Bach im KKL.

Irene Bucheli-Zemp